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Verweigerung - Justizthriller voll spannender Wendungen

  Das Geschworenensystem wie etwa in der amerikanischen Justiz ist gleichermaßen faszinierend wie erschreckend, wenn man sonst gerade bei großen Prozessen die vorherrschende Rolle von Berufsrichtern kennt. Da sind einerseits ganz normale Leute, die vielleicht andere Perspektiven in die Lebenswirklichkeit von Angeklagten haben als die Juristen, die Vorstellung der gemeinsamen Entscheidungsfindung, der Bürgerverantwortung und dass ein Angeklagter die Chance hat, von Mitbürgern be- und verurteilt zu werden.  Da ist aber auch das Risiko, dass eine Geschworenenjury nach Sympathien und Antipathien entscheidet, dass bewusste und unbewusste Vorurteile die Entscheidung prägen, auch wenn die Prozessparteien vorher versuchten, voreingenommene Geschworene auszuschließen. Die Gefahr, dass Charisma, Überzeugungskraft oder schlichtes Dominanzgebaren eines oder mehrerer Geschworener die allgemeine Meinung einer Jury für oder gegen eine Verurteilung kippen lässt. Könnte es nicht sein, dass professionel

Brexit, Verrat und doppeltes Spiel

 Vor wenigen Wochen starb John LeCarré, Altmeister des intelligenten Spionageromans. Höchste Zeit also, dass ich endlich "Federball", seinen schon 2019 erschienenen letzten Roman aus meinem Stapel ungelesener Bücher klaubte und las. Ganz klar: Auch hoch in den 80-ern schrieb LeCarré so bissig, abgeklärt und mit einer Prise britischen Humors, wie seine Leser es von ihm kennen.  Mit George Smiley und dem Spion, der aus der Kälte kam hat LeCarré schon vor Jahrzehnten Klassiker zum Kampf der Geheimdienste im Kalten Krieg geschrieben. Nun ist der Kalte Krieg ja ebenfalls schon ein paar Jährchen vorbei. Was heißt das für die alten Haudegen des "Circus"? Und wo verlaufen die neuen Frontlinien der Schlapphüte? Der überzeugte Europäer LeCarré bringt in seinem letzten Roman den Brexit ins Spiel, aber auch das unter Putin wieder mit Misstrauen betrachtete Russland und Trumps Amerika. Ich-Erzähler Nat gehört als operativer Geheimdienstmitarbeiter mit Ende 40 schon zum alten Eis

Bitterböse und traurig - die F*ck-it-Liste

 Es ist nicht ganz einfach, eine Kategorie für John Nivens Roman "Die F*ck-it-Liste" zu finden: Polit-Satire, Thriller, Drama? Wie man es aus anderen Romanen des schottischen Autors kennt, geht es ganz schön brachial und blutig zu. Doch im Gegensatz etwa zu "Kill ´em all" (das ich im vergangenen Oktober hier rezensiert habe https://nimm-ein-buch.blogspot.com/2020/10/der-bad-boy-ist-zuruck-kill-em-all.html), ist Die F*ck-it-Liste, düsterer, trauriger, ohne die an Tarrantino erinnerten Gewalt-Grotesken. Wie Leonard Cohen schon sang: You want it darker? Das gilt für dieses Buch.  Nicht nur, dass Frank Brill, ehemaliger Zeitungsredakteur einer Kleinstadtzeitung im Mittleren Westen, erfahren muss, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist und ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Der Mann hat in den vergangenen Jahren gleich mehrere schwere Schicksalsschläge überstehen müssen: Seine dritte Frau und sein jüngster Sohn kamen bei einem Schulmassaker ums Leben, seine ältere Tochter

Ein Thriller als Briefroman - hinter diesen Türen

 Das leise Grauen kann besonders eindringlich sein, dazu braucht es keine Brutalo-Szenen. Das bewahrheitet sich auch in dem Thriller "Hinter diesen Türen" der britischen Autorin Ruth Ware, in dem nichts ist, wie es scheint. Außerdem ungewöhnlich: Ihr Thriller kommt in Form eines Briefromans daher, über weite Strecken aus der Sicht einer jungen Frau, die aus der Untersuchungshaft heraus versucht, einen Anwalt dazu zu bringen, ihren Fall zu übernehmen. Der Leser weiß früh: Der angebliche Traumjob der jungen Erzieherin Rowan Caine als Kindermädchen einer sechsköpfigen Familie in den schottischen Highlands endete nicht gut. Die junge Frau sitzt wegen des Todes eines Kindes im Gefängnis. Doch um welchen ihrer Schützlinge es sich handelt, ob sie schuldig ist oder nicht, ob sie überhaupt zurechnungsfähig ist - auf all diese Informationen lässt Ware ihre Leser lange warten. Überhaupt bleibt manches Detail dann doch der Phantasie  des Lesers überlassen. Psychologische Spannung, eine d

Auf der Suche nach dem Goldenen Käfer - "Miss Bensons Reise"

 Manchmal kann eine Krise einen Befreiungsschlag auslösen. So jedenfalls in Rachel Joyce´s Frauenroma "Miss Bensons Reise". Denn Margery Benson, die Protagonistin dieses liebenswerten Romans über die Freundschaft zweier sehr ungleicher Frauen, ist in ihrem Lebenregelrecht eingefroren wie ein Käfer oder Schmetterling hinter Glas: Die Endvierzigerin unterrichtet seit 20 Jahren Hauswirtschaft an einer Mädchenschule. Es ist das Jahr 1950 und eine unverheiratete Frau in diesem Alter wird als "alte Jungfer" eher verspottet oder bedauert - von selbstbewusstem Single-Leben war damals noch nicht die Rede. Als Benson eine wenig schmeichelhafte Karikatur von sich findet, die im Klassenraum herumgereicht wird, ist sie so verstört, dass sie nicht nur aprupt aus der Schule flieht, sondern auch noch das Steifelpaar einer Kollegin mitgehen lässt. Den Job kann sie nun vergessen, nicht, dass er sie jemals ausgefüllt hat. Ausgerechnet an diesem Tiefpunkt erinnert sich Margery Benson a

Rote Riesen, weiße Zwerge – funkelnder Glanz des Kosmos

  Um das Band der Milchstraße, den Nachthimmel voller Sterne zu sehen, muss man sich in Deutschland in der Regel erst einmal auf den Weg machen, wenn man nicht gerade in der Nähe einer Sternwarte wohnt. Vor allem in den Ballungszentren verhindert Lichtverschmutzung den eindrucksvollen Blick, den der nächtliche Himmel bietet. Ganz nahe lässt Thorsten Dambeck den funkelnden Glanz des Kosmos allerdings mit seinem Buch „Sternenwelten“ rücken. Die großformatigen Aufnahmen erlauben auch von Sofa oder Lesesessel aus den Blick auf die Sterne und geben zumindest eine Ahnung von dem großartigen Anblick, den der Nachthimmel über dem Meer, der Wüste oder anderen buchstäblich menschenverlassenen Gebieten bietet. Kosmische Nebel, Gas- und Staubwolken, rote Riesen und weiße Zwerge – die zahlreichen Bilder aus Beständen der Weltraumbehörden NASA und ESA, aufgenommen mit Weltraumteleskopen, ziehen den Betrachter in eine faszinierende Welt von Farben und Formen.   Doch „Sternenwelten“ bietet nicht nur

Lebenstraum und Trauma - "Unter uns das Meer"

 Die große Freiheit auf 24 Quadratmetern, umgeben von Wind und Wellen – mit dem Kauf der Yacht Juliet hat sich der Betriebswirtschaftler Michael einen Lebenstraum erfüllt. Der Trump-Anhänger, der staatliche Einmischung ablehnt und autark sein will, kann sich an Bord des Schiffes den Wunsch von der totalen Unabhängigkeit erfüllen. Es ist auch ein Versuch, die vor dem Aus stehende Ehe zu retten. Dabei ist Juliet, Michaels Ehefrau und Ich-Erzählerin in Amity Gaiges Roman „Unter uns das Meer“,   nur höchst zögerlich aus dem Alltag in einem Vorortviertel im Ostküstenstaat Connecticut ausgestiegen.   Sie hat keinerlei Segelerfahrung und ist eigentlich bereits mit dem Alltag überfordert: Seit der Geburt der nun sieben und zweieinhalb Jahre alten Kinder leidet sie unter Depressionen, ihre Dissertation über Lyrik liegt brach, ein Kindheitstrauma und die Entfremdung zwischen Juliet und ihrer Mutter macht es nicht einfacher. Doch dann bricht die Familie doch in die Karibik auf – eigentlich entb