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"Getauschte Heimat" - Zwischen Tel Aviv und Berlin

Zwei Frauen, zwei Länder, zwei Erfahrungen mit Fremdheit und Ankommen - ein Briefwechsel. Auf diesen Satz lässt sich in Kurzform "Getauschte Heimat" von Yael Levin und Anja Reich bringen. Die israelische Musikerin und die deutsche Journalistin kennen sich kaum,als sie noch in gegenüberliegenden Wohnungen im Prenzlauer Berg leben.

Kein Wunder - Yael ist mit ihrer Familie erst seit gerade mal einem Jahr in Berlin, der Stadt, die möglicherweise die neue Heimat für sie und ihre Familie wird. Ihr Mann hatte einen Anspruch auf einen deutschen Pass, die politische Entwicklung in ihrer Heimat fanden sie schon länger bedrückend. Die neue Sprache, die andere Mentalität, das andere Klia - Yael ist noch mitten im Eingewöhnungsprozess.

Anja wiederum ist da bereits im Aufbruchprozess. Für zwei Jahre geht sie mit ihrem Mann, ebenfalls Journalist, nach Israel. Die beiden Frauen, die sich über ein Nachbarschaftsnetzwerk kennengelernt haben, beschließen, in einen Briefwechsel zu treten. Jede …

Psychologische Spannung mit vielen Wendungen - die Wälder

Ein dichter, dunkler Wald voller Geheimnisse und düsterer Warnungen - dass ist der Stoff, aus dem die Märchen sind. In "Die Wälder" schickt Melanie Raabe ihre Protagonistin Nina zurück in das von dichten Wäldern umgebene Dorf ihrer Kindheit, um ein 20 Jahre zurück liegendes Geheimnis zu klären und dabei auch den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit entgegen zu treten.

Mitten im Karneval erhält die junge Ärztin Nina eine schreckliche Nachricht: Tim, ihr bester Freund, ist tot. Erst kurz zuvor hatte er ihr noch eine Nachricht geschickt, dass er in das Dorf ihrer Kindheit zurück gekehrt sei und "das letzte Puzzlestück" gefunden habe. Es geht um das Verschwinden seiner Schwester Gloria, die seit 20 Jahren vermisst wird. Eigentlich wollte Nina nie wieder in das Dorf zurück kehren. Nun aber fühlt sie, dass sie nicht nut für Tims Beerdigung dorthin fahren muss, sondern auch für den toten Freund das Rätsel um die vermisste Gloria zu lösen hat. David, ein weiterer Kindheitsf…

Kupferberg - literarische Reportage über einen verschwundenen Ort

Mit  seinem Buch "Kupferberg" nimmt der polnische Journalist Filip Springer seine Leser mit auf eine Zeitreise durch das 20. Jahrhundert nach Niederschlesien, in einen Ort, der nur mehr Geschichte ist, nachdem er im 20. Jahrhundert neue Staatsgrenzen und eine ganz neue Bevölkerung erlebte. In der Tradition der literarischen Reportage zeichnet Springer ein Langzeitporträt des alten Kupferbergs, das nach 1945 zu Miedzianka wurde. Ganz folgerichtig wechseln auch die Bewohner, deren Schicksal er beschreibt - steht am Anfang die Geschichte einer deutschen Brauereibesitzerfamilie, von Apothekern und Pfarrern, seit Beginn des 20. Jahrhunderts im Vordergrund, begleitet et nach 1945 die Menschen, die im damaligen polnischen Osten aufbrechen müssen in die unbekannte neue Heimat, wo die letzten verbliebenen Deutschen noch eine Weile unfreiwillige Nachbarn sind, bis auch sie gen Westen ziehen.

"Kupferberg" kommt ohne Pathos und Schuldzuweisungen aus, wird zur Entdeckungsreise …

Der Gesang der Fledermäuse - schicksalhafte Sterne und rächende Rehe

Dem Nobelpreis sei Dank - auch ältere Romane von Olga Tokarczuk erhalten eine deutsche Neuauflage. Im Fall des Romans "Gesang der Fledermäuse", der erstmals vor gut zehn Jahren auf Deutsch erschien, ist sogar ein Hörbuch erschienen. Ich war gespannt - denn Olga Tokarczuk poetische, bildbhafte Sprache ist zwar nicht nur ein Lese-, sondern auch ein Hörgenuss.  Aber auch, wenn der "Gesang der Fledermäuse" nicht die epische Gewalt der mehr als tausend Seiten umfassenden "Jakobsbücher" entfaltet - wer sich gewissermaßen nebenbei die CD einlegt, könnte leicht die sprachlichen Zwischentöne verpassen. Tokarczuks Sprache verdient Zeit und Konzentration. Ein freies Wochenende passte also perfekt für einen Hörbuch-Marathon mit dem gut achteinhalbstündigen, von Angelika Thomas gelesenen Roman.

Wer Freude an skurrilen, exzentrischen Charakteren hat, wird "Gesang der Fledermäuse" mögen. Angefangen von der Ich-Erzählerin Janina Duszejko, einer ehemaligen Lehre…

Revolutionäre und Verlorene - "Schwarzer September"

Es war ein anderer Extremismus, ein anderer Terror, ein anderer Konflikt. Manches aus Sherko Fatahs Roman "Schwarzer September" klingt fast schon wie Nostalgie der Zeitgeschichte. Anderes klingt nur zu vertraut. Nicht nur für diejenigen, die auch noch Kindheitserinnerungen haben an den Moment, als die fröhlichen Spiele von München tödlich wurden, als an Postämtern oder Bahnhöfen die Fahrdungsbilder der RAF hingen, mit den Bildern jener Männer und Frauen, deren Namen in Vebindung standen mit Gewalt und Tod, mit Entführungen und Morden.

Einige der Figuren aus "Schwarzer September" stammen aus den Randbereichen der Randszene, doch die Handlung spielt überwiegend im Libanon, kurz ehe das Land im Bürgerkrieg versank und die schillernde Metropole Beirut mit ihrem Nachtleben zum Schauplatz von Heckenschützen, Attentaten und Explosionen im Machtspiel von Milizen, Clans und internationaler Politik.

Doch noch ist es nicht soweit, auch wenn die Mitarbeiter der örtlichen Stati…

Ein Lebensgesang auf archaischem Eiland - Miroloi

Eigentlich passt "Miroloi", der Debütroman von Karen Köhler, gut in die Zeit der #MeToo-Debatten und -Bücher. Schließlich geht es ja auch der Ich-Erzählerin um Freiheit, um Emanzipation, um das sich Herauslösen aus traditionellem Rollenverständnis.  Ein bißchen märchenhaft mutet das Buch an, geschrieben in Strophen, nicht in Kapiteln, ganz so wie einst die Lieder der Ilias. Und an Griechenland erinnert auch die Beschreibung der Insel, auf der die Erzählerin lebt, mit ihren Häusern in Weiß und Blau, mit den Olivenbäumen, den Hirten, den Frauen in Schwarz.

Doch zugleich ist es eine ganz und gar archaische Welt. Gäbe es nicht Flugzeuge, die ihre Kondensstreifen am Himmel hinterlassen, die Schiffe des Händlers, die moderne Errungenschauften auf die Insel brachten, die Debatten mit dem Regierungsbeamten über einen Stromanschluss - das Geschehen im  Dorf auf der Insel könnte auch in einer Jahrhunderte zurück liegenden Zeit spielen.

Die Erzählerin, als Findelkind vom Bethaus-Vater …

Zwischen Heimatlosigkeit und Generationskonflikt - "die guten Tage"

In seinem Roman "Die guten Tage" setzt sich Marko Dinic ähnlich wie Buchpreisträger Sasa Stanisic mit "Herkunft" mit der jungen Generation aus dem ehemaligen Jugoslawien und ihrer Neuankunkft im Ausland auseinander. Die Erfahrung von Migration, von Heimatlosigkeit, von Exil - das eint beide Schriftsteller und beide Bücher. Ebenso die Rolle der Großmütter, die die Erzähler gewissermaßen in der verlorenen beziehungsweise verlassenen Heimat verankern, auch emotional, und deren Tod ein Einschnitt ganz besonderer Art ist.

Es gibt aber auch ganz klare Unterschiede. Stanisic´s Ich-Erzähler hat seine bosnische Heimat als Kind verlassen, auf der Flucht vor dem Krieg, in dem auch die ethnische Zusammensetzung seiner Familie plötzlich gefährlich geworden war. Sein Buch handelt or allem vom Ankommen und den Erinnerungen  an das verlorene Land, das es nicht mehr gibt. Dinic´s Erzähler ist ein junger Serbe, in einem Vorort Belgrads geboren und aufgewachsen. Als er, von den Freun…