Posts

Intrigen in der Downing Street

 So ganz vorbei war der Kalte Krieg für die Geheimdienste ja vermutlich nie. Und spätestens mit dem Aufstieg Putins dürften die einschlägigen Analysten wieder on high alert gewesen sein. Diana Taverner ist daher alles anderes als amused, als sich vor einem scheinbar harmlosen Fest der russischen Botschaft herausstellt, dass ihr russischer Amtskollege seit mehr als 24 Stunden unerkannt in London unterwegs sind, weil einige der "boys and girls" der MI5-Zentrale beim Monitoring der anreisenden Russen leider gepennt haben.  Doch noch etwas anderes gibt Rätsel aus: Die Schweizer Superforecasterin, die ein Sonderberater des Premierministers angeheuert hat, ist verschwunden. Und Jack Sparrow, besagter Sonderberater, ist nicht nur ein gewaltiger Intrigant, sondern gewissermaßen die graue Eminenz in der Downing Street, der  ausgerechnet Taverners Vorgänger, den glücklosen Claude Whelan, damit beauftragt, zum Verbleib seiner Mitarbeiterin zu recherchieren. Ihr letzter Anruf, so ste...

Was ist schon Identität

 Krishna Mustafa hatte eigentlich ein ganz zufriedenes Leben geführt. Bis ihn seine Freundin Laura vor die Tür setzte und ihm vorwarf, er habe seine Identität noch immer nicht gefunden. Was ihn eben auch unreif für die Beziehung mache.  Jetzt ist er in Istanbul, wo sein türkischer Vater mit der zweiten Ehefrau und dem gemeinsamen Nachwuchs lebt, ein Vater, den er seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte. Als Krishna sechs Jahre alt war, bestand seine deutsche, esoterisch angehauchte Mutter auf dem Umzug nach Deutschland. Im türkischen Schulsystem wollte sie ihr Kind nicht sehen. Praktischerweise studiert Krishnas türkischer Cousin Germanistik. Jetzt haben die beiden ihre WG-Zimmer getauscht und Krishna ist auf Identitätssuche in Istanbul. Fast schon symbolisch, dass die Verabredungen mit seinem Vater wochenlang platzen. Krishnas Türkisch wird von den Mitbewohnern belächelt, noch so ein Stück türkische Identität, an dem er arbeiten muss. Wenn die große Krise dafür Raum läs...

Coming of Age im Kalifat

 Abbas Khider beeindruckt immer wieder. Mit seiner poetischen Sprache, mit Sätzen, die wie leicht dahingeworfen aussehen und nachhallen, wie er große Umwälzungen in privates Leben verpackt. Sein neues Buch "Der letzte Sommer der Tauben" bildet da keine Ausnahme. Ich-Erzähler Noah ist ein 14-jähriger Iraker, der Vater hat ein Textilgeschäft, gleich nebenan wohnt der Onkel, mit dem Noah die Leidenschaft fürs Taubenzüchten teilt. Doch der beschauliche Alltag einer harmonisch existierenden Familie wird zerstört, als der Daesh, der Islamische Staat, auch in seiner Heimatstadt in alle Lebensbereiche eindringt. Bunter Kleider und Stoffe dürfen im Laden von Noahs Laden nun nicht mehr verkauft werden. Selbst Verpackungen müssen verbrannt oder zumindest geschwärzt werden, wenn dort das Gesicht oder der Körper einer Frau zu sehen ist. Die dramatischsten Auswirkungen betreffen natürlich Noahs Mutter und erwachsene, schwangere Schwester, die nach der Verhaftung ihres Mannes wieder ins Elt...

Aufwachsen als globales Symbol

 Mit dem Titel ihrer Autobiographie "Finding my way" hat Malala Yousafzai den Ton bereits vorgegeben: Wie kann eine junge Frau ihre Persönlichkeit entwickeln, wenn sie bereits als Kind ihr Lebensziel gefunden hat, als Teenager die jüngste Friedensnobelpreisträgerin aller Zeiten und globales Symbol für den Kampf von Mädchenbildung geworden ist? Mal ganz zu schweigen von den körperlichen und seelischen Folgen des Taliban-Attentats und einem Leben zwischen zwei Welten - einerseits auf den Redepodien der Welt,  im Gespräch mit den Reichen und mächtigen, andererseits eine junge Frau aus einer sehr konservativen, restriktiven Kultur, die auch im britischen Exil nie wirklich fern ist? Auf ihren öffentlichen Auftritten wirkt die Autorin häufig äußerst beherrscht, zurückgenommen, reflektiert. Das Buch zeigt die inneren Kämpfe, den Wunsch, einfach nur als junge Frau wahrgenommen werden, die unbeschwert sein darf und nicht unter Dauerbeobachtung steht. Die Studienzeit in Oxford soll sic...

Faszination Schildkröte

 Sie können über 100 Jahre alt werden, und sie sind schon sehr, sehr lange auf der Erde: Schildkröten gehören zu den Tierarten, die beträchtlich länger als die Menschheit existieren. Schon ihr Aussehen hat etwas Urzeitliches an sich. Doch die Tiere mit dem gemächlichen Tempo stoßen in unserer schnelllebigen Zeit auf Bedrohungen: Verkehr, Straßen und Siedlungen, die Habitate und Wege zu Eiablageplätzen zerschneiden oder zerstören. In ihrem Buch "Tete a tete mit einer Schildkröte"  stellt Sy Montgomery eine Schildkrötenschutzstation und die Menschen, die dort arbeiten vor.  Vor allem aber geht es natürlich um Schildkröten: Das Wiederaufpäppeln verletzter Tiere, selbst solcher, die die Tierärzte schon aufgegeben haben. Die Bemühungen, die Schildkröten wieder in einen Zustand zu bringen, der eine Wiederauswilderung ermöglicht - oder, wenn das nicht möglich ist, den Versuch, den verletzten Tieren eine möglichst gute Lebensqualität zu verschaffen. Es ist ein Sachbuch, aber kein...

Gelangweilte Hausfrau und toughe Detektivin stoßen auf Verschwörung

  Ich kenne und schätze Mick Herron als Autor der Geheimdienstserie um die "Slow Horses" des MI5. Da war ich natürlich neugierig auf seine Reihe um die Privatdetektivin Zoe Boehm und wurde nicht enttäuscht: Auch hier findet sich die unwiderstehliche Mischung aus Spannung, Geheimnissen und einer ordentlichen Prise britischen Humors, dazu Protagonisten, die eher unfreiwillig in Verschwörungen und finstere Machenschaften stolpern. Zoe Boehm ist allerdings - bis jetzt - eine Nebenfigur, die erst spät in der Handlung Profil entwickelt. Vor allem geht es um die Hausfrau Sarah, die weder beruflich noch privat gerade viel Freude an ihrem Leben hat. Ehemann Mark ist in der Finanzwelt tätig und verlässt sich darauf, dass sie ihm den Rücken freihält, ohne sie umgekehrt in ihren fast schon vergessenen Ambitionen zu unterstützen. Nun soll sie auch noch als Gastgeberin eines Dinners für einen wichtigen Kunden brillieren, den sie schon sehr schnell nervig und abscheulich findet. Dann allerd...

Internationale Justiz - eine Chance für Gerechtigkeit

 Steve Crawshaw hat als Journalist gearbeitet, unter anderem im ehemaligen Jugoslawien während des Bürgerkriegs. Später engagierte er sich bei verschiedenen Menschenrechtsorganisationen. Sein Buch "Vor Gericht" über internationale Justiz zur Ahndung von Menschenrechts- und Kriegsverbrechen ist ein bißchen mit beiden dieser Berufsfelder  verbunden - einerseits sachlicher Report, andererseits durchaus Aktivismus für mehr Gerechtigkeit für Menschen wie Folteropfer oder Überlebende von Kriegsverbrechen, die in ihren eigenen Ländern auf keine Verfahren hoffen können. "Vor Gericht" liefert einerseits historischen Hintergrund zur Entstehung des Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und den Internationalen Gerichtshof, erläutert das Weltstrafprinzip. das es etwa erlaubt hat, Kriegsverbrecher in Deutschland vor Gericht zu bringen, auch wenn es keinen deutschen Tatort und keine deutschen Opfer oder Täter gibt.  Zugleich ist das Buch höchst aktuell, geht es doch um die ...