Posts

Kinderwunsch und komplizierte Beziehungen - Detransition, Baby

 Die New Yorkerin Reese ist Mitte 30 und spürt ihre biologische Uhr ticken. In einem Fitnessclub arbeitet sie in der Kinderbetreuung, und wenn sie ein Baby im Arm hält, spürt sie die große Sehnsucht danach, Mutter zu sein. Problematisch ist das nicht nur wegen eines  fehlenden Kindsvaters. Als Transfrau hat Reese  anders als Cis-Frauen nicht die Möglichkeit, etwa über den Weg einer Samenspende ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Bis ausgerechnet eine Beziehung aus der Vergangenheit eine Lösung aufzeigt. Kinderwunsch und komplizierte Beziehungen, Fragen von Identität und Selbstverständnis prägen den Roman von "Detransition, Baby" von Torrey Peters, die selbst trans ist. Denn Reese war mehrere Jahre in einer lesbischen Beziehung mit Transfrau Amy - bis Amy ein Detransition machte, um äußerlich als Mann zu leben, auch wenn Ames selbst nicht sicher ist, ob er tatsächlich ein Cis-Mann ist. Doch das trans Leben war zu hart, um es dauerhaft zu leben. Obwohl Ames glaubte, nach all den Ja

Geschichten wie Faustschläge

 Seit seinem brachialen, aber großartigen Roman "Die Plotter" habe ich den koreanischen Schriftsteller Un-Sun Kim auf meinem Leseradar. Nun ist vor kurzem seine Kurzgeschichtensammlung "Jab" herausgekommen und ich war neugierig: Würde Kim, der in seinen Romanen so komplexe Figuren voller Abgründe erdacht hat,  sein Potenzial auch auf jeweils wenigen Seiten entfalten können? Würde er genauso überzeugen?  Ein Jab ist beim Boxen eine Gerade, locker geschlagen, ohne den Ellbogen steif zu machen - und wie ein Hagel Faustschläge kommt auch dieses Buch daher. Auf wenigen Seiten komprimiert finden sich die düsteren Nachtgestalten, die Hoffnungslosen und Getriebenen, die gesellschaftlichen Außenseiter und Angehörigen der Unterwelt wieder, die in den vorangegangenen Romanen ebenso episch wie düster ausgebreitet wurden. Die dunkle Poesie, so will ich Kims Stil mal nennen, zeigt sich auch in den Kurzgeschichten. Es sind teils filigrane Studien, die gleichzeitig Raum für Interpr

Wie tickt Putin? eine Erklärung aus der Philosophie

 Wie tickt Wladimir Putin und wie konnte es so weit kommen, dass im 21. Jahrhundert mitten in Europa erneut ein Angriffskrieg tobt? Erklärungsversuche werden nun schon seit Monaten unternommen. Der französische Philosoph Michel Eltchaninoff ist da keine Ausnahme, hat sich aber bereits schon vor längerer Zeit mit dem Mann an der Spitze Russlands  befasst. Sein bereits 2016 erschienenes Buch "In Putins Kopf" ist aktualisiert und erweitert worden. Etchaninoff untersucht vor allem das Weltbild Putins, seine Geisteshaltung und, klar bei dem Hintergrund, seine Philosophie. Etwa den immer wieder von Putin zitierten, ja vereinnahmten Kant (der Philosoph kam schließlich aus Königsberg, heute die russische Exklave Kaliningrad), sein Schulterschluss mit Alexander Solschenizyn, sein Blick auf Russland und sein historisches Erbe. Auch der Wandel Putins von einem als eher (wirtschaft-)liberalen reformorientierten Bürokraten  zum Oligarchenfreund und geradezu absolutistischen Machtmenschen

Berührende Coming of Age Geschichte einer Regenbogen-Familie - "Die Lüge"

 Mikita kann sich kaum noch an seine früh an Krebs verstorbene Mutter erinnern. Doch er hat ein liebevolles Elternpaar - seinen Onkel Slawa und dessen Lebensgefährten Lew. Und weil  die Gesetzgbung in Russland ebenso wie die Gesellschaft ausgesprochen homophob ist, muss  Mikita sein Familienleben von klein auf mit Lügen, Verschleierungen, Unwahrheiten schützen. Sonst droht ihm im schlimmsten Fall die Einweisung in ein Kinderheim. In Mikita Frankos Coming od Age-Roman "Die Lüge" wird eine Regenbogenfamilie mit viel Empathie, aber ohne Sentimentalität oder gar Kitsch gezeichnet. Ich-Erzähler Mika hadert mitunter mit seinem Schicksal - Offiziell hat sein alleinstehender Onkel Elternstelle bei ihm übernommen. Slawa, ein unkomplizierter, spontaner Künstlertyp, nur 16 Jahre älter als Mika, war schon immer in seinem Leben präsent. Doch mit dem Arzt Lew, einem auf Ordnung und Manieren bedachten eher strengem Mann, der auch streng und aus Mikas Sicht ungerecht sein kann, tut er sich s

Zurück ins Mittelalter - eine russische Dystopie

 Mit "Der Tag des Opritschniks" hat Vladimir Sorokin eine Dystopie geschrieben, die laut Klappentext eine hellsichtige Satire auf das Russland Putins ist, vor allem aber eine Zukunftsvision mit mittelalterlichen Sitten (und Unsitten) verbindet. Ich-Erzähler ist ein Opritschnik, Mitglied einer Ordensgemeonschaft, die trotz Ikonenkult wenig christiliche Barmherzigkeit verbreitet. Vielmehr handelt es sich um eine streng hierarchische Schar von Vollstreckern, die im Auftrag ihres Ältesten und des Gossuraren, des Herrschers im Kreml, morden, brandschatzen, plündern und vergewaltigen. Drastisch geschildert wird hier ein absolutistisches Machtgefüge geschildert, in dem Feudalismus und High Tech eine Verbindung eingehen. Russland hat den Westen unterworfen, einzig verbliebende andere Großmacht ist China, das als wichtigster Handelspartner auch so gut wie alles produziert, was in Russland gebraucht wird. Dennuziation, grausame Strafen, religiöser Nationalismus und die an Vergötterung

Queerer Krimi aus Tel Aviv - Der letzte Schrei

 Israel ist das LGBTQI-freundlichste und toleranteste Land des Nahen Ostens (was an sich keine Kunst ist angesichts der homophoben Gesetzgebungen und Gesellschaften in den Nachbarländern) - in der Küstenmetropole Tel Aviv ist das unübersehbar. Wer schon einmal da war, weiß, dass Regenbogenfahnen an Fensterrahmen und Balkons weit verbreitet sind, Fächer, Fähnchen und andere Souveniers  in Regenbogenfarben von Straßenhändlern feilgeboten werden und auch außerhalb der Szene-Bars Restaurants, Hotels und Cafés um queeres Publikum werben. Mit "Der letzte Schrei" hat der israelische Autor Yonatan Sagiv nun auch den passenden (Kriminal-)roman aus der queeren Szene Tel Avivs mit viel Lokalkolorit geschrieben. Doch auch hier gilt: Einerseits selbstbewusstes Schwul-lesbisches und sonstig queeres Leben, doch andererseits ist es nicht so einfach. Nicht nur wegen der Zersplitterung der Szene in immer mehr Communities, nicht wegen der wehselseitigen Vorurteile, etwa Lesben gegen Transen geg

Bedrohliche Alpenidylle

 "Der Berg ruft nicht, er kommt", hieß es mal in einem Bericht über die Auswirkungen des Klimawandels in den Alpen und anderen Gebirgsregionen.  Welche Auswirkungen das für die Einwohner vor Ort hat, ist Thema in Petra Huckes Alpenroman "Vom Gehen und Bleiben", in dem nicht nur die Generation Greta eine Identifikationsfigur findet. Gerade mal 60 Einwohner hat das kleine Dorf Vischnanca in der rätoromanischen Schweiz, seit neuestem sind es vier mehr: Eine deutsche Familie aus Duisburg hat ein Haus im Dorf gemietet. Vor allem Familienvater Fabio, ein Ingenieur mit übermächtigem Vater, hofft auf einen Neuanfang: Alles kleiner als bisher, Homeoffice und Hausmann-Dasein, während endlich Ehefrau Katja als Managerin eines Öko-Hotels in einer nahen Stadt karrieremäßig durchstarten kann. Für Jasper, 17, und Jojo, 14, bedeutet es eine neue Sprache und Suche nach Freundschaften in einem Ort, wo sie so gut wie keine Gleichaltrigen haben. Der erste Wermutstropfen kommt unmittelb