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Queeres Familienmodell in Südstaaten-Kleinstadt

 Ein wenig erinnert der Beginn von "Das haben wir nicht gwollt" von Calla Henkel an die Serie "Big little lies" - ein Polizist sinniert über einen Vermisstenfall, in der Folge wird die Geschichte aus den Perspektiven der verschiedenen Protagonisten aufgerollt. Ein kleines Kind ist spurlos verschwunden, und wenn sich der Blick der Polizei auf die Eltern richtet - nächste Angehörige sind bekanntlich stets verdächtig - haben sie gleich vier zur Auswahl. Denn Valentine und Linh sowie ihr Bandkollege Raul und dessen Partner Banner leben in einer Kleinstadt in den Südstaaten ein queeres Familienmodell, während sie gleichzeitig ein marodes Hotel, das Val von ihrem Vater geerbt hat, in ein Boutiquehotel ummodeln. Die Eröffnungsfeier, die ein rauschender Erfolg werden sollte, endet mit Katerstimmung, als Linh feststellt, dass die kleine August nicht mehr in ihrem Bettchen liegt. Haus und Familie, das ist eigentlich nichts, was Val, die Sängerin mit Hang zu Exzess und Selbstz...

Für eine positive Streitkultur

 Mit Kontroversen kennen sich Meron Mendel und Saba-Nur Cheema aus. Das Ehepaar forscht und arbeitet gemeinsam wie einzeln zu Extremismus, Antisemitismus, antimuslimischem Rassismus, leistet politische Bildungsarbeit und sucht das Gespräch auch dort, wo es schwierig ist. Ihr neues Buch, "Die Empörungsfalle" ist ein Beitrag für eine konstruktive Streitkultur ohne Scheuklappen und Selbstbeschränkungen, ohne cancel culture und Verbleiben in der eigenen Bubble.  Reflektiert, klug beobachtend, mit offenem Blick als Einladung zum Dialog geschrieben, halte ich "Die Empörungsfalle" für längst überfällig. Beim Lesen dachte ich mir wiederholt "Schön, dass ich das nicht allein so sehe", geht es doch nicht nur um das Aufbrechen von Blasen, sondern auch um die Kategorisierung von Menschen in immer mehr Schubladen und eine Hypersensibilisierung, die gut gemeint sein mag, aber letztlich wenig konstruktik ist - etwa wenn es darum geht "geschützte Räume" zu schaf...

Ein deutsches Szenario

 Mit "Deutschland 2033" hat Justus Bender ein fiktives Szenario geschaffen, das Entwicklungen der Gegenwart aufgreift und weiterdenkt. Gelesen im Jahr 2026, erscheint dieses Szenario weder unwahrscheinlich noch besonders weit weg: Was wäe, wenn die AfD im Jahr 2033 stärkste Partei im neuen Bundestag würde und - zunächst - in einer Koalition mit der CDU regiert? Einer Koalition, die schon bald auseinanderbricht, ohne dass die AfD und ihre Bundeskanzlerin Alice Weidel auf Neuwahlen setzen, sondern als Minderheitsregierung mit Dekreten und Bürgerentscheiden weitermachen? Das Darum, 100 Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, verleiht dem Szenario eine besondes düstere Komponente, ohne dass dies unbedingt zu Parallelen führt. Es gibt keine Fackelmärsche, keine Inhaftierung politischer Gegner, keine Schlägertrupps.Statt dessen eine Entwicklung, die in den vergangenen Jahren sowohl in autoritären Regierungen wie auch in den USA des Donald Trump stattfand: Ein Schwäc...

Blick hinter die Facebook-Fassade

 Sarah Wynn-Williams hat hart gekämpft um ihren Job bei Facebook, einen Job, den es noch gar nicht gab und von dem sie die Chefetage mühsam überzeugen musste. Doch die Neuseeländerin, die als Kind einen Haiangriff überlebte, ist hart im Nehmen. Und voller Idealismus für die neue Welt der sozialen Medien und ihre Möglichkeiten: Freiheit, Mitsprache, eine ganz neue Form der Demokratie und Vernetzung von Menschen - so hat sie es sich vorgestellt. Der Buchtitel "Mein Traumjob bei Facebook und wie ich alle meine Ideale verlor" macht deutlich: Aus der Traum, mit harter Landung. Wynn-Williams´Buch ist Abrechnung mit der schönen neuen Tech-Welt, an die sie selbst einmal so fest glaubte. Dass Facebook, nun Meta-Chef Mark Zuckerberg versuchte, die Veröffentlichung des Buches gerichtlich  verbieten zu lassen, überrascht wenig. Der Blick hinter die Fassade des Tech-Konzerns ist entlarvend, zeigt Netzwerke weißer Männer, eine Verachtung für alle, die nicht dazugehören, Selbstüberhöhung un...

Frauenfreundschaft aus einer untergegangenen Welt

 Tschechien ist in diesem Jahr das Gastland der Frankfurter Buchmesse - und mit "Geteiltes Haus" von Alice Horackova können sich Leser*innen schon einmal auf das Land mit seiner wechselvollen Geschichte einstellen. In ihrem Roman zeigt Horackova in der Lebensgeschichte und der Freundschaft zweier Frauen und ihrer Familien auch ein halbes Jahrhundert Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es ist ein faszinierender Blick "von unten" in eine mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs untergegangene Welt. Die Tschechin Zdenka und die Deutsche Anezka wachsen in dem Dorf Benezko im Riesengebirge auf, sind seit ihrer Kindheit befreundet. Die Sudeten sind eine Grenzlandschaft wie so viele Regionen im damaligen Ostmitteleuropa, in dem unabhängig von staatlichen Grenzen verschiedene Nationalitäten zusammenleben - mal in einem Schmelztiegel, mal in verhärteten nationalistischen Auseinandersetzung verfeindet. Auch Zdenka und Anezka erleben die Wechselfälle der Geschicht...

Wiener Polizeikrimi mit aktuellen Themen

  Es gibt Autorinnen und Autoren, bei denen ich es kaum erwarten kann, ein neues Buch zu lesen. Mit "Freunderlwirtschaft" hat Petra Hartlieb vor zwei Jahren bei mir Erwartungen geweckt. Und nach der Lektüre von "Buberlpartie" kann ich sagen: Das Warten hat sich gelohnt. Der neue Fall der Wiener Chefinspektorin Alma Oberkofler hat es einmal mehr in sich, und diesmal ist sie ganz besonders nah dran. Denn während eines Treffens mit ihrer Nachbarin auf einem beliebten Wiener Markt erlebt sie hautnah mit, wie ein Auto in ein Restaurant rast. Es kommt zu einer Explosion, mehrere Menschen sterben, und Oberkofler hat einen Fall, der Polizeiobere und Politik nervös machen. Denn das Restaurant gehörte dem österreichisch-israelischen Amon Cohen, der bei der Explosion ums Leben kommt, ebenso wie eine israelische Kellnerin und ein bekannter Enthüllungsjournalist. Am Steuer des Wagens wiederum saß der Juniorchef einer Baufirma, der ein bekannter Rechtsextremist mit politischem Eh...

Lügen und Ungesagtes

 Als Krimiautor mit seinem Ermittler Avi Avraham hat mir Dror Mishani bereits gut gefallen. Mit seinem neuen Roman "Nicht" hat er überrascht und ein Buch geschrieben, das viel Stoff zum Nachdenken bietet. Ein ausgesprochener Roman der leisen Töne, der Zeit braucht, um sich zu entfalten, dann aber nachhallt. Der Übersetzer Eli ist schon seit Jahren verwitwet, er hat einen guten Kontakt zu seiner Tochter, lebt aber im großen und ganzen für seine Arbeit, die naturgemäß recht isoliert verläuft. Falls er sich einsam fühlt, hat er das auch vor sich selbst ganz gut verdrängt. Die Versuche von Freunden, sen soziales Leben ein wenig zu pushem, erträgt er eher stoisch. Doch dann verliebt er sich doch noch einma, lässt sich auf Lia ein, Eine ganz neue Erfahrung nach Jahren des Alleinseins. So weit, so gut - hier könnte eine reife Romanze ihren Ausgang nehmen. Doch als Lia zu einer Konzertreise aufbricht, hütet Eli ihren Hund, zu dem er ein eher zwiespältiges Verhältnis hat. Das Hundesit...