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Wir alle sind Mischlinge - was die Gene verraten

 Vor ein paar Jahren waren Gentests zur Untersuchung der eigenen Vorfahrengeschichte Partythema. Die meisten von uns haben ja über die Urgroßeltern hinaus nur ein äußerst vages Wissen von ihren Vorfahren - und wer weiß, vielleicht zeigt die DNA-Analyse ja unerwartete Herkunftsregionen? Mit seinem Buch "Die große Odyssee" zeigt der Biologe Lluis Quintana-Murci, wie sich die Menschheit im Laufe der Jahrtausende über die Erde verbreitet hat. Sein Buch ist teilweise sehr wissenschaftlich mit zahlreichen Fachbegriffen, was es für nicht-Experten nicht ganz so leicht lesbar macht, aber faszinierend ist es dennoch. Die wenig überraschende Aussage: "Wir alle sind Mischlinge" (und stammen ursprünglich aus Afrika, wo bekanntlich die ältessten Funde von Hominiden, also den Vorfahren der modernen Menschen, gefunden wurden. Und auch der Homo Sapiens trat von hier zu seiner Wanderung an. Diejenigen, die "völkischem" Denken zugetan sind, müssen nach der Lektüre der mensch

Persönlicher Blick auf den 7. Oktober und die Folgen

 Ron Leshems Buch "Feuer" ist gleichzeitig Blick in die verwundete Seele Israels und Chronik des Massakers und seiner Folgen, aber auch reflektierte Darstellung der Geschichte des Nahostkonflikts, kritische Analyse der Regierung Nentanyahu und der Abhängigkeit des Regierungschefs von Koalitionspartnern, die statt Sachverstand Ideologie haben. Der Autor, Ex-Journalist, Ex-Nachrichtenoffizier schreibt einerseits aus der Distanz eines Israelis, der sich sein Leben in den USA aufgebaut hat und die Ereignisse nicht vor Ort miterlebt hat, doch gleichzeitig als persönlich Betroffener: Seine Tante und sein Onkel wurden am 7. Oktober in ihrem Kibbutz ermordet, sein Cousin verschleppt und nach wochenlanger Geiselhaft ebenfalls ermordet. Dieses Buch ist voll Schmerz, Verzweiflung und Wut über das Versagen auf politische und Sicherheitsebene, trotz Warnungen und Analysen. Doch es ist kein Buch des Hasses - Leshem sucht weiterhin Kontakt zu palästinensischen Freunden in Gaza und im Westjo

Von Pilgern und Eroberern

 Sehnsuchtsort Jerusalem?  Das gilt nicht nur für die Haggada beim Pessachfest ("nächstes Jahr in Jerusalem") - die Stadt, die einer der heiligsten Orte überhaupt für Christen, Juden und Muslime ist, hat über die Jahrhunderte Pilger und Eroberer angezogen, war und ist Streitball der Mächte und eines der ungelösten Probleme des Nahostkonflikts. In seinem sowohl lehrreichen wie auch unterhaltsamen und gut zu lesenden Buch "Unterwegs ins Morgenland" beschreibt Bernd Brunner, was die teils frommen, teils sehr weltlichen Reisenden sowohl erwarteten als auch erlebten, wenn sie sich auf die oft beschwerliche und mitunter jahrelange Reise ins "Heilige Land" machten. Ein Schwerpunkt liegt bei den christlichen Pilgern und den Kirchen, die in Jerusalem teils erbittert und buchstäblich handgreiflich um die pole position und Kontrolle der heiligen Stätten konkurrierten. Geburtskirche in Bethlehem und Grabeskirche in Jerusalem weckten da ganz besondere Begehrlichkeiten.

Inselkindheit in den letzten Kriegsmonaten

 Für einen Coming of Age Roman ist Nanning, der Protagonist von Hark Bohms Roman "Amrum" mit seinen zwölf Jahren noch reichlich jung. Doch andererseits passt das Genre, denn Nanning mag zwar auf einer idyllischen nordfriesischen Insel aufwachsen, aber er muss früh erwachsen werden: Der Vater ist im Krieg, oder jedenfalls weit weg, die Mutter hochschwanger und in den letzten Kriegsmonaten wird auch auf der kargen Nordseeinsel die Versorgung knapp. Mit seinem besten Freund Hermann hilft Nanning auf benachbarten Bauernhöfen aus, statt zur Schule zu gehen. So kommt er an Futter für die Kanninchen und das Hausschwein und Milch für die Mutter, seine Tante Ena und die jüngeren Geschwister. Der Krieg ist einerseits weit weg, aber er beeinflusst das Leben. Als Nanning arglos erzählt, die Bäuerin freue sich, dass der Scheißkrieg bald vorbei ist, droht ihr die Partei wegen Wehrkraftszersetzung - und Nanning ist den buchstäblich einträglichen Job los. Die Piloten der RAF werfen übriggebl

Toter im See führt zu Cold Case mit Sprengkraft - Kriminalroman aus der Nachwendezeit

 Mit "Das Schweigen des Wassers" weckt Susanne Tägder Erinnerungen, jedenfalls bei meiner Generation. Leser*innen der der Millenials und noch jüngeren Generationen empfinden die Atmosphäre in einem kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern kurz nach der Wiedervereinigung vermutlich als Fenster in eine ihnen sehr ferne Welt. Doch damals war die Grenze in den Köpfen noch sehr frisch, die anfängliche Euphorie begann angesichts der Abwicklung tausender Arbeitsplätze einer großen Ernüchterung zu weichen und bei Ost-West-Begegnungen lauerte immer die Frage im Hinterkopf, wie sich Menschen früher verhalten hatten und ob sie womöglich in das DDR-System verstrickt gewesen waren. Das dürfte vor allem bei der Polizei als Organ der Sicherheitsdienste so gewesen sein. Auch Hauptkommissar Groth aus Hamburg, als "Aufbauhelfer Ost" an den Ort seiner Jugend zurückgekehrt, fremdelt noch mit den neuen Kollegen - und die mit ihm. Ohnehin ist der nachdenkliche Polizist, der eigentlich gerne

Nachdenkliche Betrachtung des Nahostkonflikts

 Mit "Niemals Frieden?" hat Moshe Zimmermann eine nachdenkliche, reflektierte und überaus lesenswerte Betrachtung des Nahostkonflikts  geschrieben. Das tut gut angesichts der Polemik beider Seiten, die seit dem 7. Oktober nicht weniger geworden ist. Und umso schwerer ist es für diejenigen, die trotzdem nicht hassen wollen, sondern nach einem Ausweg aus einem scheinbar aussichtslosem Dilemma suchen. Zimmermann wurde in Jerusalem geboren, als der Staat Israel noch gar nicht existierte, er beschreibt seine familiären Wurzeln als religiös-zionistisch und er hat, wie er im Vorwort verrät, sein Buch auf Deutsch geschrieben (seine Familie stammte ursprünglich aus Hamburg), vielleicht vor allem mit Blick auf eine deutsche Leserschaft, gerade in den Abschnitten über das deutsch-israelische Verhältnis und die deutsche Haltung im Nahostkonflikt. Er ist Sozialhistoriker, vielleicht hilft dieser akademische Hintergrund, sich nicht von tagesaktuellen Aufgeregtheiten zu einer vorschnellen R

Disfunktionale Familiengeschichte

 Von Tolstoj wissen wir, dass sich alle glücklichen Familien irgendwie ähneln, während unglückliche Familien stets ihr ganz eigenes Unglück mit sich herumschleppen. In Dana von Suffrins Roman "noch mal von vorne" ist die Familie entschieden unglücklich, nicht nur, weil gleich am Anfang ein Todesfall steht. Der krebskranke Vater stirbt, und Protagonistin Rosa erhält die Todesnachricht an ihrem Arbeitsplatz. Der Tod eines Elternteils - erst recht, wenn es sich um den letzten Elternteil handelt - ist immer ein einschneidendes Verhältnis, egal wie kompliziert vielleicht zu Lebzeiten das Verhältnis war. Rosa weiß, plötzlich ist die ältere Generation weg. Es bleiben sie und ihre Schwester Nadja, aber das ist auch so eine schwierige Angelegenheit, die beiden haben schon länger nicht mehr miteinander zu tun gehabt, ja, Nadja hat sich eigentlich bereits mit 18 mehr oder weniger aus der Familie verabschiedet. Das Ausräumen der Wohnung, in der sie als Kind aufgewachsen ist, bringt auch