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Pariser Spaziergänge werden zur Liebeserklärung an die Stadt der Lichter

Es gibt Städte, über die scheint schon alles geschrieben und erzählt, die sind so oft beschrieben, gefilmt, fotografiert worden, dass man denkt: Kenn ich doch schon. Auch ohne je da gewesen zu sein. New York ist sicher so eine Stadt, Paris eine andere. Und dennoch: Manchmal muss man nur einen neuen Ansatz finden, um scheinbar altvertraute Assoziationen doch noch überraschen zu lassen, zu erklären und zu vertiefen.

Mit "Uns bleibt immer Paris" hat Serena Dandini eine Liebeserklärung an Paris geschrieben, in alphabetischen Spaziergängen durch die Seine-Metropole und ihre Arondissemments. Tipps nach Hotels oder Restaurants sucht der Leser vergebens, vielmehr teilt Dandini ihre großen und kleinen Entdeckungen, Geschichten und Personen. "Uns bleibt immer Paris", das raunten sich schon Rick und Ilsa im Filmklassiker "Casablanca" zu - schon damals war Paris ein Sehnsuchtsort, der für Freiheitsgeist und die große Liebe stand.

Sie hoffe, das Buch werde Leser animi…

Biografie meets Fiktion - "Meine Zeit mit Eleanor"

Haben sie, oder haben sie nicht? Dass US-Präsident Franklin D. Roosevelt es mit der ehelichen Treue nicht sonderlich genau nahm (wie so mancher seiner Nachfolger im Weißen Haus) ist historisch nicht wirklich neu. Dass seine Frau Eleanor eine wichtige Beraterin und Mitgestalterin seiner Politik war wie nach ihr vielleicht nur Hillary Clinton, ist ebenfalls bekannt. Vieles aus der Sozialpolitik des "New Deal" ist von ihr zumindest beeinflusst. Aber dass sich Eleanor viele Jahre lang mit einer Frau über die Affären ihres Gatten hinwegtröstete, das ist die Frage, die in "Meine Zeit mit Eleanor" von Amy Bloom ganz im Vordergrund steht.

Denn wie eng das Verhältnis zwischen Eleanor Roosevelt und der Journalistin Lorena Hickock nun wirklich war, das ist bislang nicht bekannt. Fest steht: Hickock war "out und proud", lange bevor sie den Weg der First Lady kreuzte. Zeitweilig wohnte die Frau in ihren Reportagen das Elend der von der Wirtschaftskrise beschrieb und f…

Von der Bahnhofshalle in den Konzertsaal - modernes Märchen nach Noten

Die Situation hat sicher jeder schon mal erlebt: Ein Großstadtbahnhof, ein Einkaufszentrum oder eine Flughafenhalle und irgendwo steht ein mehr oder weniger verstimmtes Klavier, an dem jeder, der Lust hat, sich ausprobieren kann. Manch einer klimpert einfach nur auf den Tasten, öfter klingt es sogar ganz nett und manchmal ist da so ein magischer Moment, der das hektische Treiben unterbricht, weil da gerade jemand richtig gut in der zugigen Bahnhofshalle spielt.

So einen Moment erlebt Pierre Geithner, Direktort des Pariser Konservatoriums, als er einen jungen Mann im Gare du Nord eine Chopinsonate spielen hört. Geithner, beruflich und privat gerade ziemlich angeschlagen, erkennt ein Ausnahmetalent, wenn er es hört. Sein Versuch, zu dem jungen Mann Kontakt aufzunehmen, geht erst mal ziemlich daneben - gerade schafft er es noch, ihm seine Visitenkarte zuzustecken.

So weit der Auftakt von "Der  Klavierspieler vom Gare du Nord" von Gabriel Katz. Klaviertalent Mathieu, der als Soh…

Niemandskinder - Rassismuserfahrungen einst und jetzt

Ein Mann auf der Suche nach einer Frau, aber auch auf den Spuren der eigenen Vergangenheit - das ist die Ausgangssituation in Christoph W. Bauers Roman "Niemandskinder". Der Ich-Erzähler kehrt zurück nach Paris, die Stadt, in der er sich einst neu erfinden wollte. Der Österreicher - als Sohn aus Deutschland zugereister Eltern eigentlich ein "Piefke-Kind" träumte einst davon, Dichter zu werden. In Paris folgte er als junger Mann den Spuren der großen Romanciers und Lyriker, fand aber auch Samira, die junge Frau aus der Vorstadt, die als Tochter marokkanischer Eltern erst noch ihren Platz in der französischen Gesellschaft erobern musste. Die junge Frau, die als Migrantenkind mit Härten zu kämpfen hatte, hatte einst die lyrischen Ambitionen ihres Geliebten eher belächelt, die nicht dem Realitätscheck ihres eigenen Lebens standhielten. Die Beziehung zerbrach, der Poet ging zurück nach Österreich und wurde Historiker.

Nun ist er zurück, in wissenschaftlicher Sache, aber…

Mehr als nur "der Attentäter" - Annäherung einer Enkelin an den 20. Juli

Er ist eíne historische Ikone geworden, auch wenn sein Ziel scheiterte. Hätte Claus Graf von Stauffenberg Erfolg gehabt, wäre das Attentat auf Hitler gelungen - der Zweite Weltkrieg hätte schneller geendent, Millionen von Menschen hätten ihn überleben können, die in den Monaten zwischen Juli 1944 und Mai 1945in Konzentrationslagern ermordet wurden, auf beiden Seiten der jeweiligen Front starben, bei Luftangriffen als Zivilisten ums Leben kamen. Stauffenberg und die übrigen Mitglieder des Widerstadskreis zahlten einen hohen Presi: Verhaftung, Folter, ein sogenannter Prozess vor dem Volkgerichtshof, vor dem die Todesstrafe schon feststand. Selbst nach den Hinrichtungen kannte der Rachedurst des NS-Regimes kein Ende: Die Hingerichteten sollten keine Gräber bekommen, sondern buchstäblich zum Staub der Geschichte werden, die Familien wurden in Sippenhaft genommen, die Kinder wurden von ihren Müttern getrennt, bekamen neue Namen.

Für Sophie von Bechtolsheim ist Stauffenberg vor allem "…

Der traurige Kommissar und der tote Kardinal

Auf den ersten Blick ist Rafik Schamis Buch "Die geheime Mission des Kardinals" ein Kriminalroman. Schließlich wird - welch ein Skandal! - die Leiche eines römischen Kardinals in einem an die italienische Botschaft in Damaskus gelieferten Fass mit Olivenöl gefunden. Ein Fall, vielleicht der letzte große Fall, für den melancholischen Kommissar Barudi, wenige Monate vor seiner Pensionierung. Die vatikanische Botschaft  gibt sich zugrknöpft. Barudi, der zur christilichen Minderheit in Syrien gehört, bekommt über private Kontakte heraus, dass der Kirchenfürst in geheimer, komplizierter Mission unterwegs war.

Diplomatie und Diskretion sind gefragt bei der Aufklärung dieses Falles, der schnell auch internationale Irritationen auslösen könnte. Wurde der Tat von Islamisten ermordet, gibt es persönliche Motive und warum soll der Kardinal zu einem muslimischen Bergheiligen Kontakt gesucht haben?

Barudi, dieser leise, einsame und Gerechtigkeit liebende Mann, ahnt: Dieser Fall dürfte si…

Die Zauberlehrlinge - von Recht, Unrecht und der Frage nach Menschlichkeit

Es war eine Entscheidung, die bei mir  seinerzeit tatsächlich mal Stolz ausgelöst hat auf die deutsche Regierung: Die Entscheidung, den meist aus Syrien kommenden Flüchtlingen die Grenzen zu öffnen. Willkommenskultur wurde ein neuer Begriff und das vielleicht im Rückblick etwas naive "Wir schaffen das!" zu einer irgendwie optimistischen Botschaft.

Wie lange scheint das mittlerweile her! Mittlerweile lassen sich mit Angst vor Fremden ziemlich gut Wählerstimmen generieren und viele derjenigen, die damals die Willkommenskultur teilten, sind verunsichert. Natürlich ist es eine ziemliche Herausforderung, eine so große Zahl von Menschen aus einem ganz anderen Kultur- und Sprachraum in der Gesellschaft zu integrieren. Natürlich gibt es  Konflikte. Natürlich kommen außer denen, mit denen man sich vorbehaltlos solidarisieren will, auch solche, die man lieber nicht als neue Mitbürger haben will.

In dem Buch "Die Zauberlehrlinge" von  Stephan Detjen und Maximilian Steinbeis g…