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Aufwachsen als globales Symbol

 Mit dem Titel ihrer Autobiographie "Finding my way" hat Malala Yousafzai den Ton bereits vorgegeben: Wie kann eine junge Frau ihre Persönlichkeit entwickeln, wenn sie bereits als Kind ihr Lebensziel gefunden hat, als Teenager die jüngste Friedensnobelpreisträgerin aller Zeiten und globales Symbol für den Kampf von Mädchenbildung geworden ist? Mal ganz zu schweigen von den körperlichen und seelischen Folgen des Taliban-Attentats und einem Leben zwischen zwei Welten - einerseits auf den Redepodien der Welt,  im Gespräch mit den Reichen und mächtigen, andererseits eine junge Frau aus einer sehr konservativen, restriktiven Kultur, die auch im britischen Exil nie wirklich fern ist? Auf ihren öffentlichen Auftritten wirkt die Autorin häufig äußerst beherrscht, zurückgenommen, reflektiert. Das Buch zeigt die inneren Kämpfe, den Wunsch, einfach nur als junge Frau wahrgenommen werden, die unbeschwert sein darf und nicht unter Dauerbeobachtung steht. Die Studienzeit in Oxford soll sic...

Gelangweilte Hausfrau und toughe Detektivin stoßen auf Verschwörung

  Ich kenne und schätze Mick Herron als Autor der Geheimdienstserie um die "Slow Horses" des MI5. Da war ich natürlich neugierig auf seine Reihe um die Privatdetektivin Zoe Boehm und wurde nicht enttäuscht: Auch hier findet sich die unwiderstehliche Mischung aus Spannung, Geheimnissen und einer ordentlichen Prise britischen Humors, dazu Protagonisten, die eher unfreiwillig in Verschwörungen und finstere Machenschaften stolpern. Zoe Boehm ist allerdings - bis jetzt - eine Nebenfigur, die erst spät in der Handlung Profil entwickelt. Vor allem geht es um die Hausfrau Sarah, die weder beruflich noch privat gerade viel Freude an ihrem Leben hat. Ehemann Mark ist in der Finanzwelt tätig und verlässt sich darauf, dass sie ihm den Rücken freihält, ohne sie umgekehrt in ihren fast schon vergessenen Ambitionen zu unterstützen. Nun soll sie auch noch als Gastgeberin eines Dinners für einen wichtigen Kunden brillieren, den sie schon sehr schnell nervig und abscheulich findet. Dann allerd...

Liebe, Lügen und Familiengeheimnisse

 Was für ein wunderbares Debüt mit spannenden, lebensnahen Protagonistinnen! "Wohin du auch gehst" von Christina Fonthes packt und berührt mit einer Familiengeschichte zwischen Kinshasa und London, voller Liebe, Lügen und Familiengeheimnisse, die erst nach und nach entschlüsselt werden. Es geht um Identität und Queerness, afrikanische Spiritualität und Diaspora-Community, um die Demokratische Republik Kongo, das frühere Zaire, dieses schöne geschundene Land mit seiner Gewalt und seiner Musik. Fonthes Protagonistinnen sind zwei Frauen, zwei Generationen - Bijoux und ihre Tante Mira. Als zwölfjährige wurde Bijoux zur Tante nach London geschickt, angeblich wegen der zunehmend gefährlichen Lage in ihrer Heimatstadt Kinshasa. Für die Tochter einer recht privilegierten Familie ist es ein Schock, sich plötzlich in einer Sozialsiedlung wiederzufinden, mit einer Tante, die vor allem schweigt.  Was Bijoux nicht weiß und was sich in Rückblicken entblättert: Mira ist so etwas wie die ver...

Geschichte des Sklavenhandels in einem alternativen Universum

 Eigentlich stellt Bernardine Evaristo schwarze Protagonisten in den Mittelpunkt ihrer Romane und stellt auch durchaus Genderrollen in Frage. Ihr Buch "Blondes Herz" ist da ein bißchen anders, schreibt sie doch über den kolonialen Sklavenhandel - aber in einem alternativen Universum, in dem die Versklavten weiß und die Sklavenhändler schwarz sind. Die Menschen aus dem als barbarisch und unterentwickelt angesehenem Europa, die aus der Sicht ihrer neuen Besitzer kaum mehr als Tiere sind, werden ins kulturell zweifellos überlegene Afrika verschleppt. Die Auswüchse und Brutalität der Sklaverei hingegen sind dann wieder ganz so, wie wir sie aus den Geschichtsbüchern kennen. Die Geschichte der Kohlkopfbauerntochter Doris, die heimlich Lesen und Schreiben gelernt hat, sich nicht brechen lässt und ihren Traum von Freiheit nicht aufgibt, ist fesselnd zu lesen. Trotzdem habe ich mich beim Lesen gefragt: Was will Evaristo ihren Leser*innen hier eigentlich sagen? Hält sie sie für so ober...

Rückkehr hinter den Eisernen Vorhang

 Dafür, dass Nick Harkaway 1972 geboren ist, kann er in die Welt des Kalten Krieges und der Geheimdienste sehr glaubwürdig eintauchen. Mehr noch: Sein Spionageroman "Smiley" überzeugt mit Kontinuität, sprachlich und stilistisch. Denn Smiley, das ist natürlich George Smiley, die wohl berühmteste Romanfigur von John Le Carré. Vielleicht liegt es daran, dass Harkaway gewissermaßen mit Smiley-Extrakten beim Frühstück und Mittagessen aufwuchs. Er ist der jüngste Sohn des berühmten Autors (beide benutzen ein Pseudonym) und sein Roman ist nicht nur eine Hommage an den berühmten, vor wenigen Jahren gestorbenen Vater, sondern auch eine literarische Rückkehr in die Welt des Eisernen Vorhangs, in der Smiley zu Hause war. "Smiley" spielt in den frühen 60-er Jahren, nach "Der Spion, der aus der Kälte kam" und "Dame, König, As, Spion", was für Leser*innen von Le Carrés Romanen einen besonderen Reiz ausmachen dürfte. Denn einerseits nimmt der Roman Bezug auf be...

Spurensuche, zwei Generationen danach

 Vielleicht hätte sich Pippa Goldschmidt ohne den Brexit nicht zu diesem Schritt entschlossen - die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, zusammen mit ihrem Vater, der - wie sie später in ihrem Buch "Deutschstunden" andeutet - davon zunächst gar nicht begeistert war. Ein Recht auf einen deutschen Pass, ohne Einbürgerungstest und Sprachnachweis, hatte sie aufgrund ihrer Familiengeschichte: Großvater Ernst war als junger Mann in den 1930-er Jahren aus seiner Heimatstadt Frankfurt nach Großbritannien emigriert. Der Jurist, der im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatte, wusste, dass er als Jude im nationalsozialistischen Deutschland nicht mehr sicher war. Seine Mutter würde ihm später folgen, gerade noch rechtzeitig. Pippa Goldschmidt hatte ihren Großvater nie kennengelernt, er war vor ihrer Geburt gestorben. Ihre Großmutter, die aus ihrer Geburtsstadt Wien vor den Nazis nach Großbritannien geflüchtet war, hatte nie von ihren Erfahrungen und dem Schicksal ihrer Fami...

Locked room mystery am Meeresgrund

 In seinem klaustrophobischen Thriller "Die Kammer" führt Will Dean seine Leser*innen buchstäblich in die Tiefe, nämlich in die Tauchkammer, in der sechs Sättigungstaucher auf engstem Raum arbeiten, tagelang am Meeresboden Wartungsarbeiten etwa für Ölbohranlagen ausführen. Es ist eine gefährliche Arbeit, in der sich die Taucher blind aufeinander verlassen können müssen. Für Ich-Erzählerin Ellen Brooke, die einzige Frau der Gruppe, ist es der Traumjob, auf den sie lange hingearbeitet hat. Dafür nimmt sie immer wieder die Trennung von der Familie auf sich, die beengten Verhältnisse in der Kammer ohne Privatsphäre, die tagelange Dekompression, wenn es nach dem Arbeitseinsatz wieder an die Oberfläche geht. Denn die Tür zur Taucherkammer plötzlich zu öffnen, ohne den Druckunterschied allmählich, im Schneckentempo, anzugleichen, würde fatale Folgen haben. Zudem befinden sich die Taucher unter Dauerbeobachtung: Eine Crew an Bord des Schiffes ist für ihr Wohlergehen, ja ihr Überleben...

Killer jagen die lahmen Gäule des MI5

 Wenn Mick Herron seine "lahmen Gäule" in ein neues Rennen schickt, ist eines klar: spannende Unterhaltung gewürzt mit schwarzem britischen Humor und intriganten Politikern, die irgendwie sehr an tatsächlich existierende Persönlichkeiten erinnern, ist garantiert. Und man sollte die einzelnen "slow Horses" besser nicht zu lieb gewinnen, denn schon in den vorangegangenen Bänden um die Parias des britischen Inlandgeheimdienstes MI5 war die Überlebensquote nicht so toll.  Niemand dürfe sich sicher fühlen, bestätigte Autor Herron denn auch im Interview. Vielleicht mit Ausnahme von Jackson Lamb, dem ständig missgelauntem Herrn des "Slough House" - soviel Zynismus, politische Unkorrektheit und reptilienartige Verschlagenheit ist schließlich schwer zu ersetzen. Wobei auch Diana Taverner, Oberintrigantin und endlich auch oberste Chefin beim MI 5, ihm in letzterem kaum nachsteht. In "Slough House" werden treue Leser*innen allerdings ein paar Namen aus der ...

Tote Ehemänner im Lockdown - Corona-Roman um häusliche Gewalt

 Femizide, sogenannte Ehrenmorde, physische und psychische Gewalt oft über Jahre Hinweg - Wenn es um Gewalt in einer Beziehung geht, sind die Täter fast immer männlich, die Opfer ihre Ehefrauen, Partnerinnen, Töchter. Die Statistiken von Organisationen wie Terre des femmes sind ernüchternd und schockierend. Damit ein so ernstes  und hartes Thema Gegenstand eines durchaus humorvollen Kriminalromans ist, braucht es vermutlich den berühmten schwarzen britischen Humor - und genau das funktioniert in "Ein Mann zum Vergraben" von Alexia Casale ziemlich gut. Es war ein Unfall. Als Ehemann Jim sie in einem seiner Wutanfälle einmal wieder mit kochendheißem Wasser übergießen will, greift die englische Hausfrau Sally, Mutter zweier erwachsener Kinder, zum erstbesten Gegenstand, um ihn abzuwehren. Dass die gusseiserne Pfanne, ein Erbstück ihrer Oma, derart fatale Wirkung hat, merkt sie erst, als Jim tot auf dem Küchenboden liegt. Nach einem Schaumbad und einer Eis- und Kuchen-Orgie ringt...

Liebe, Magie und Besessenheit

 Es geistert wieder dämonisch in Manchester: Mit "Love will tear us apart" hat C.K. McDonnell den dritten Teil seiner Urban Fantasy Saga über die exzentrischen Macher der Zeitung "The Stranger Times" geschrieben - und er wird den Erwartungen seiner Fans erneut gerecht. Es hilft sehr, die Vorgängerbände gelesen zu haben  und sowohl den Mitarbeiterstab wie auch die Abenteuer der "Stranger Times"-Belegschaft mit übernatürlichen Wesen zu kennen. Ist das nicht der Fall, könnte manches etwas verwirrend sein. Wobei: Verwirrung gehört für die Protagonisten doch eigentlich zum Alltag, haben sie es doch regelmäßig teils mit Spinnern, teils mit Wesen zu tun, die nicht ganz von dieser Welt sind. Mal ganz abgesehen von Mitarbeitern, die nur noch als Geister in der Redaktion herumspuken! Diesmal ist die Redaktion, wenn schon nicht kopf- , dann vor allem führungslos. Hanna, die stellvertretende Chefredakteurin und bislang Garantin für eine gewisse Stabilität, hat kurzfri...

Das Leben kommt immer dazwischen

 Schon mit dem Titel "Joy" spielt Jonathan Lee in seinem ungewöhnlichen und sprachlich interessanten Roman mit den Erwartungen der Leser*innen. Denn Joy ist nicht nur der Name der Protagonistin, sondern bedeutet bekanntlich auch "Freude". Davon allerdings ist Joy, Top-Anwältin in einer Londoner City-Kanzlei weit entfernt. Zwar steht ihre Karriere nach zehn Jahren vor einem Höhepunkt - sie soll Partnerin werden, mit gerade mal 33 Jahren. Doch die Perspektive ist eher abschreckend.  Joy ist schon lange frustriert von dem Alltag in der Kanzlei, ein typischer alte weiße Männer-Biotop. Ihre Ehe plätschert mittlerweile eher leidenschaftslos dahin, nach einer Tragödie ist das Verhältnis zu ihrer Schwester von Entfremdung geprägt. Joy will nicht mehr. Systematisch, wie sie ist, plant sie ihren Selbstmord. Doch das Leben kommt dazwischen. Zwar wird sie zwischen Leben und Tod schweben nach einem Sturz von einer Plattform, der irgendwie auch symbolisch für ihre Lebenskrise ist...

Ein Fremder bis in den Tod

 In seinem Buch "auf dem Null-Meridian" lotet Shady Lewis die Erfahrung von Fremd-Sein in einer Mehrheitsgesellschaft vielschichtig, ja geradezu philosophisch aus. Mit seinem Ich-Erzähler eint ihn die Herkunft aus der Minderheit der christilichen Kopten in Ägypten. Dieser Erzähler hat es aus der Sicht seiner Familie geschafft: Schließlich arbeitet er in London als Sozialarbeiter für die Vergabe von Sozialwohnungen in einem Büro, so richtig mit Schreibtisch und Bürostuhl! Ein Onkel dagegen, der sich schon Jahre zuvor über das Mittelmeer nach Großbritannien durchgeschlagen hat, viele Rückschläge und Hindernisse überwinden musste, putzt ungeachtet seines Bildungsabschlusses immer noch Toiletten. Wie stolz ist er auf den Neffen, der in einem Verwaltungsjob angekommen ist! Dabei, so der Erzähler, sind die weißen Briten in der Arbeit überhaupt nicht präsent, allenfalls ferne Vorgesetzte: Nahezu sämtliche Sozialarbeiter, Sachbearbeiter, Psychologen, mit denen er zu tun hat, sind ebe...

Liebe, Pflicht und Coming Out

 Barrington, ein fescher Mittsiebiziger und vor Jahrzehnten von der Karibikinsel Antigua, nach Großbritannien eingewandert, hat bereits in der Jugend  seine eine, große Liebe gefunden. Und es ist nicht Carmel, mit der er seit über 50 Jahren verheiratet ist und mit der er zwei Töchter hat. Denn Morris, die große Konstante in seinem Leben, ist ein Mann - und die karibische Diaspora ist auch fern der Heimat ausgesprochen homophob.In ihrem Buch "Mr Loverman" beschreibt Bernardine Evaristo diese große, lebenslange Liebe, die ein halbes Jahrhundert lang und länger nur im Verborgenen stattfinden darf. Barry ist nicht der Einzige, der unter der Situation leidet. Carmel, die sich als 16-jährige in Barry verliebte, hadert mit dem Ehemann, der sie, wie sie überzeugt ist, mit anderen Frauen betrügt. Dabei ist sie die erste und einzige Frau, mit der Barry jemals Sex hatte.  Mit der Treue zu Morris hat er es trotz aller Liebe in jüngeren Jahren nicht zu genau genommen, zu sehr lockten ...

Ermittler mit reichlich Lebenserfahrung - der Donnerstagsmordclub hat einen neuen Fall

  Es gibt Bücherserien, die nach dem ersten Erfolg abflauen und in Routine erstarren. Die Donnerstagsmordclub-Serie  von Richard Osman gehört erfreulicherweise nicht dazu. In ihrem dritten Fall  mischen die vier Hobby-Schnüffler aus der Seniorenresidenz einen Fall von Geldwäsche auf. Und noch nie war so viel Liebe mit im Spiel. Die angejahrten Freizeitermittler, die mittlerweile stramm auf die 80 zugehen, wollen diesmal einen Mord ohne Leiche aufklären. Denn vor Jahren verschwand eine junge Journalistin, die einem brisanten Fall von Geldwäsche auf der Spur war. Ihr Auto stürzte über eine Klippe, doch die Leiche der jungen Frau blieb verschwunden.  Die ehemalige Krankenschwester Joyce macht sich ja zunächst ein bißchen Hoffnung auf den silberlockigen Moderator der Nachrichtensendung des Lokalsenders, der mit der Vermissten befreundet war. Erotisch kann der Frauen allerdings so gar nichts abgewinnen - Pech für Jodyce. Dafür ist die energische Maskenbildnerin Pauline ei...

Zwangsehe und Kampf um Liebe im ländlichen Indien vor 100 Jahren

 Punjab im Jahr 1929 - in der britischen Kolonie Indien gärt es, die Unabhängigkeitsbewegung sucht nach Freiheitskämpfern, doch auch das Miteinander von Muslimen, Hindus und Sikhs ist nicht konfliktfrei. Vieles bleibt hingegen ganz traditionell, arrangierte Ehen etwa. Die junge Mehar wurde bereits im Alter von fünf Jahren verlobt, zehn Jahre später steht Hochzeit an. Wir würden heute von der Zwangsverheiratung eines Kindes sprechen.  In seinem Roman "Das Porzellanzimmer" verarbeitet der britische Schriftsteller Sunjeev Sahota, dessen Vorfahren aus dem Punjab stammen,  ein Stück indischer Kolonialgeschichte, aber auch Erfahrungen des Aufwachsens als Kind der südasiatischen Minderheit in der weißen und oft feindseligen Mehrheitsgesemmschaft. Wie wenig im Punjab des frühen 20. Jahrhunderts beim Thema Heirat  irgendwelche Gefühle eine Rolle spielen, wird schon daraus ersichtlich, dass Mehars Schwiegermutter Mai alle ihre drei Söhne am gleichen Tag verheiratet - so lässt ...

Unerfüllte Erwartungen an das Leben und die Liebe

 Der Titel "Lektionen" ist doppeldeutig: Das gleichnamige Buch von Ian McEwan beginnt in einem englischen Internat in den 60-er Jahren, mit einem Klavierunterricht, der für den da noch kindlichen Protagonisten Roland Baines noch weitreichende Folgen haben wird. Doch während der Autor seiner gleichaltrigen Romanfigur ein Leben lang folgt, bis in die Corona-Pandemie, da geht es eben auch um die Lehren eines langen Menschenlebens, um das, was Roland mitnimmt und das, was bleibt, von seinen Hoffnungen, seinen Lieben, seinen Erwartungen in sich selbst und den Erwartungen, die andere in ihn gesetzt haben. Da scheint zunächs vieles unerfüllt: Der junge Roland galt als großes Klaviertalent, doch statt einer Pianistenkarriere verdingt er sich auch noch deutlich jenseits der 70 als Klavierspieler während des afternoon tea in einem Hotel - von Musikmampfe spricht er dabei. Die literarischen und journalistischen Ambitionen münden in Kalendersprüchen und Gedichten für Grußkarten. Auch ein...

Kulturclash und Familiengeheimnisse - Liebesheirat

 Yasmin und Joe haben einiges gemeinsam: Beide sind junge Ärzte kurz vor dem Ende ihrer Facharztausbildung, beide leben noch zu Hause - London ist schließlich teuer. Doch während Joes Mutter eine Angehörige der britischen Oberschicht ist, bestens vernetzt und feministische Autorin  von Büchern, in denen auch schon mal entblößte Penisse zu sehen sind, sind Yasmins aus südasien stammende muslimische Eltern  deutlich weniger freizeügig. Insbesondere die stark religiöse Mutter ist eher prüde. Bei Küssen im TV wird der Kanal gewechselt. Während Yasmin und Joe den nächsten Schritt zu einem gemeinsamen Leben machen wollen, sollen sich die Yasmins Eltern und Joes Mutter erstmal kennenlernen - kann das gutegehen? Doch das Familiendinner am Beginn von Monica Alis  "Liebesheirat" ist nicht die letzte Herausforderung, nicht nur für die beiden Liebenden. In gewisser Weise ist die Begegnung allerdings ein Katalysator, der eine ungeahnte Kettenreaktion auslöst. Familiengeheimnisse ...

Posthumer Roman von John LeCarré - Spione in der Abenddämmerung

 Ach wie gut, dass John LeCarré bei seinem angesichts des hohen Lebensalters nicht völlig überraschenden, aber gleichwohl bedauerlichem Tod keinen blanken Schreibtisch hinterließ. sondern auch ein Manuskript. Zum 90. Geburtstag des großen alten Gentleman anspruchsvoller Spionageliteratur ist nun "Silverview" erschienen, und auch wenn es nicht ganz mit der Karla-Triologie mithalten kann, hält auch dieses Buch, was der Autorenname verspricht. Wieder einmal zeigt LeCarré, wie die Ränke- und Doppelspiele von Agenten und Verrätern den Alltag seines Protagonisten verändern und immer neue Fragen aufwerfen. Ein wenig scheint "Silverview" aus der Zeit gefallen, die Technologie des 21. Jahrhunderts hat zurückzustehen hinter persönlichen Begegnungen und Übergaben von Nachrichten, toten Briefkästen und abhörsicher arrangierten Treffen, man ist als Spion schließlich immer misstrauisch und rechnet mit unerwünschten Beobachtern. Oder ist spätestens seit dem NSA-Skandal bei den ...

Beziehungsweise - Leute wie wir

 Welche Erwartungen sind an eine gemeinsame Zukunft als Paar zu stellen - wenn der erste Hormonrausch des Dauerverliebtseins verflogen ist, wenn der Alltag Einzug gehalten hat, wenn Kinder aus der Zweisamkeit eine Familie mit ihrer ganz speziellen Dynamik gemacht haben? In "Leute wie wir" spürt die britische Autorin der Geschichte zweier Paare nach, die mit Alltag und Beziehungsfrust zu kämpfen haben, vier Enddreißiger, denen die Träume ihrer Jugend noch in frischer Erinnerung sind und die sich fragen, ob der Zug für Träume schon abgefahren ist. Michael etwa, der langjährige Freund der Modejournalistin Melissa, sehnt sich nach der Ungebundenheit der frühen Jahre. Flirten, keine Verpflichtungen haben, die Leichtigkeit, die es einst in der Beziehung gab. Melissa dagegen, seit der Geburt des zweiten Kindes zu Hause und nur noch dann arbeitend, wenn das Baby schläft, ist frustriert mit ihrem Leben und fühlt sich von Michael nicht ausreichend gestärkt. Hinzu kommt, dass das Haus, ...

Trauma und Tod - "Der silberne Elefant"

 Es ist jetzt schon ein paar Tage her, seit ich "Der silberne Elefant" von Jemma Wayne zugeklappt habe, um das Buch erst mal sacken zu lassen, ehe ich darüber schreibe. Heute habe ich noch immer zwiespältige Gefühle angesichts dieses Romans um drei sehr unterschiedliche Frauen, die sich aber alle mit ihrer Vergangenheit, mit traumatischen Erlebnissen, mit Tod und sterben auseinandersetzen müssen. Da ist etwa Lynn, früh verwitwet, unheilbar an Krebs erkrankt  und gerade mal in ihren 50-ern. Sie weiß, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt - doch die will sie selbstbestimmt verleben und sich ganz gewiss nicht von ihrer Bald-Schwiegertochter Vera, einer PR-Beraterin, betreuen lassen. Widerwillig stimmt sie  zu, dass tageweise eine Pflegerin ins Haus kommt - Emily, eigentlich Emilienne, eine junge Afrikanerin, und, wie sich herausstelle, Überlebende des Völkermords aus Ruanda. Wayne beschreibt sowohl die Auseinandersetzung der Frauen mit ihrer Vergangenheit als auch ihre Verfle...