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Ukrainisches Kriegstagebuch

 Die Waffe von Schriftstellern sind Worte. Auch der ukrainische russischsprachige Schriftsteller Andrej Kurkow versucht mit seinem Kriegstagebuch "Im täglichen Krieg" auf diese Weise aufzurütteln, Aufmerksamkeit für die Lage in seinem Land zu wecken, damit die Weltöffentlichkeit sich nicht irgendwann an den Status quo gewöhnt und zur Tagesordnung übergeht. Schreiben heißt erinnern  - an den russischen Angriffskrieg, an die Massaker und Kriegsverbrechen, an die Leugnung und Unterdrückung ukrainischer Identität, die Zwangsrussifizierung in den besetzten Gebieten. Vor Jahren las ich Kurkows wunderbares Buch "Graue Bienen" über einen alten Imker im Donbas - der Krieg hatte aus der Sicht der Ukrainer bereits zu jener Zeit, im Jahr 2014, begonnen. In seinem Kriegstagebuch führt Kurkow seine Leser*innen durch Bombennächte und Luftschutzkeller, durch den Alltag und die Versuche, das Leben weiter zu führen, die Militarisierung und Mobilisierung auf beiden Seiten. Dabei gibt ...

Prophetisch und aktuell

 Timothy Snyder ist Historiker, er hat über nationalsozialistische und stalinistische Verbrechen geforscht und dabei immer auch auf die Gesamtgesellschaft und ihre Verantwortung geblickt. Sein neuestes Buch, "Über Freiheit" ist eher philosophisches Nachdenken über den Freiheitsbegriff und was Freiheit ausmacht, wie ein Individuum ein freier Mensch wird und welche Mechanismen Freiheit bedrohen. Dabei blickt Snyder auch auf sein eigenes Leben und seine Erfahrungen - wie er als kleiner Junge auf der Farm seiner Großeltern im Jahr der amerikanischen Zweihundert-Jahr-Feier eine Freiheitsglocke geläutet hat, wie er als Student in Ostmitteleuropa die ersten Kontakte zu den Bürgerrechtlern und Intellektuellen knüpfte, die 1989 die historische Wende durchsetzten und plötzlich, wie Vaclav Havel, vom Dissidenten zum Präsidenten wurden.  "Über Freiheit" könnte theorielastig erscheinen, wäre da nicht die Gegenwart, in der wir leben. Snyder zeigt die Bedrohung von Freiheit, etwa ...

Lasst uns mal miteinander reden...

 Den Eindruck eines abgebrühten Polit-Profis, an dem alles abprallt, macht Robert Habeck auch nach zwei Jahrzehnten in der Politik eigentlich nicht. Und als Angehöriger einer Generation, die noch Erinnerungen an die Grünen auch in ihrer frühen Phase haben dürfte, dürfte ihm das Bedürfnis, alles auszudiskutieren, nicht ganz fremd sein. In seinem Wahlkampf setzte er auch auf "Gespräche am Küchentisch" als Format, mit Menschen ins Gespräch über ihren Alltag und ihre Probleme zu kommen. Sein Buch "Den Bach rauf" ist auch so zu verstehen - ein Monolog zwar, aber einer, der auch ein bißchen Erklärungs- und Rechtfertigungsbericht eines Vielgescholtenen ist. Nach dem Motto: Lasst uns doch mal miteinander reden. Es geht, natürlich, um die Koalition und ihre Streitigkeiten, die Herausforderungen, gerade auch für die Wirtschaft, Ukraine-Krieg und Energiepreise, die Projekte, die Habeck viel Ärger einbrachten, gerade auch durch Indiskretionen des Koalitionspartners. Da sind dan...

Gespräche jenseits der Blasen und Echokammern

 Es ist leicht, sich seiner eigenen Ansichten und Überzeugungen zu vergewissern - man bewegt sich einfach innerhalb der eigenen Denkblasen und Echokammern. In seinem Buch "Und dennoch reden wir miteinander" macht Stephan Lamby das Gegenteil - er nähert sich Populisten und Verschwörungstheoretikern an, ja Menschen, die sich voller Stolz als Faschisten bezeichnen, und porträtiert sie zunächst einmal als Menschen, deren Denkweise er zu verstehen versucht, ohne sie zu teilen. Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil des politischen Diskurses der Gegenwart. Ausgangspunkt ist eine Familienfeier im Rheinland, wo Lamby aufgewachsen ist. Auch die Verwandtschaft aus Amerika ist gekommen, einschließlich eines Cousins, dem sich der Autor immer sehr nahe gefühlt hat - gegenseitige Besuche, viele Gespräche, auch wenn sie politisch schon damals unterschiedlicher Meinung waren. Mittlerweile ist der Cousin Trump-Anhänger und war beim Sturm auf das Capitol dabei.  Lamby recherchiert in den USA...

Rasende Reporterin trotz knirschender Gelenke

 Es hat immer ein bißchen was von Entblätterung, wenn Journalisten über sich und ihre Arbeit schreiben. Und natürlich über geschätzte oder verachtete Kolleginnen und Kollegen. Das kann unerhaltsam sein, scharfsinnig, eitel - im Fall von Gabriele Riedles "In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg" ist es vor allem eine literarische Verfremdung eines Genres, das eigentlich von präziser, ja nüchterner Sprache lebt. Jedenfalls im klassischen Nachrichtenjournalismus, der Fall Relotius hatte - vor dem Sündenfall - ja gezeigt, dass literarische Ausschmückungen die Chancen für prestigeträchtige Journalistenpreise steigern können. Hier wird nun nicht geclaast, hier steht gleich im Untertitel "Eine Art Abenteuerroman". Wie viel die Ich-Erzählerin und die Autorin, abgesehen vom Job und der Arbeit in Krisen- und Kriegsgebieten tatsächlich gemeinsam haben, darüber kann ich nur mutmaßen. Lernen branchenfremde Leser hier etwas vom Alltag von Kriegs- oder Krisenreportern? Auf jeden Fall b...

Von Integrationsdebatten und praktischem Alltag

 Wenn es um die Debatten zu Integration, Assimilierung, Tradition und Eigenständigkeit, Mehrheits- und Parallemgesellschaften geht, kann Musa Deli zweifellos mitreden - zum einen hat er als Sohn türkischer Migranten, der selbst erst nach Jahren den Eltern nachgezogen ist, viel praktische Lebenserfahrung. Zum anderen kennt er als Leiter des Kölner Gesundheitszentrum für Migrantinnen und Migranten viele Probleme, Reibungspunkte und gegenseitige Missverständnisse aus dem Arbeitsalltag.   Sein Buch "Zusammenwachsen" ist nicht nur ein Plädoyer für gegenseitige Akezeptanz und Dialog, es macht aich deutlich, dass es eben nicht "DEN Migranten" gibt - und dies, obwohl er sich ganz überwiegend auf die türkeistämmige Community stützt. Eine Vielzahl von anderen Gruppen mit ihren jeweiligen Heruasforderungen, Problemen und Besonderheiten ist da noch gar nicht berücksichtigt. Doch auch die türkische Community ist schließlich nicht homogen und nicht so, wie es aus der Perspektive ...

Von Bienenzucht in Zeiten des Krieges - Graue Bienen

 Ein starkes und eindrinliches Buch zum Konflikt vor dem Krieg: Mit "Graue Bienen" hat der russischsprachige ukrainische Shriftsteller Andrej Kurkow das Porträt eines Einzelgängers in einem weitgehend verlassenen Dorf zwischen den Linien des Konflikts in der Ostukraine und einer Gesellschaft zwischen Misstrauen und Auflösung gezeichnet. Frührentner Sergej Sergejitsch, einst Bergarbeiter in Donbas, nun Hobbybienenzüchter, ist einer der beiden letzten Einwohner eines aus nur drei Straßen bestehenden Dorfs in der grauen Zone zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischer Armee. Bis aus Paschko, mit dem er seit Schultagen ein angespanntes Verhältnis hat, haben alle anderen das Dorf verlassen.  Paschko hält es mit den Separatisten, word von ihnen auch mit Lebensmitteln versorgt, während sich Sergej nicht sonderlich um Politik kümmert, allerdings als russischen Sergej und nicht als ukrainischen Serhej identifiziert. Viel wichtiger ist ihm, dass seine sechs Bienenvölker aussch...

Junge Frau als Bauernopfer in Terror-Paranoia

 Ein provokanter Facebook-Post, mit dem die junge Textilverkäuferin Jivan eigentlich nur Likes und Aufmerksamkeit erzielen wollte, wird für die junge Frau in einem indischen Slum zu Verhängnis: Polizisten stürmen mitten in der Nacht die Behausung der Eltern, nehmen Jivan fest, die mit schweren Vorwürfen konfrontiert wird: Sie soll Terroristen, die einen Anschlag auf einen Zug verübten, überhaupt erst denWeg durch die verwinkelten Straßen des Slums gezeigt haben und so bei der Tat geholfen haben, über Facebook soll sie mit einem Terroranwerber in Kontakt getreten sein. Mit "In Flammen" schildert Megha Majumdar eine Art indischer Version der "verlorenen Ehre der Katharina Blum", in unserer Zeit und den aktuellen Terrorgefahren. Ihre Protagonistin ist eine chancenlose junge Frau, die in das Mühlwerk eines unbarmherzigen Justizsystems, politischer Ambitionen und Hetze in den Medien gerät. Eine faire Chance im Kampf um ihre Freiheit und ihr Leben wird sie nie haben. Als ...

Eine Partei, die den Diskurs verändert hat - "Die Methode AfD"

 Im Superwahljahr 2021 gehört zu den mit Spannung erwarteten Fragen: Wie schneidet die AfD diesmal ab? Kann sie ihren Erfolg vom letzten Mal wiederholen und wird sie dauerhaft die politische Landschaft verändern, oder wird sie, wie zuvor die "Republikaner" recht schnell wieder an Bedeutung verlieren? Schon jetzt fordert ein breites Bündnis ein Demokratieschutzgesetz, um etwa zu verhindern, dass steuerliche Fördermittel an  die AfD-nahe Stiftung fließen, wenn sie auch in der kommenden Legislaturperiode im Bundestag vertreten ist. Sie fürchten eine rechte Kaderschmiede, die auf Jahre hinaus Institutionen verändert.  Die Autorinnen Katja Bauer und Maria Fiedler halten mit ihrem buch "Die Methode AfD" Rückschau auf die Entstehungsgeschichte der AfD, die verschiedenen Strömungen und ihre Flügelkämpfe, das Bemühen um einen bürgerlichen Anstrich und das Liebäugeln mit dem ganz rechten Rand. Seit der Wiedervereinigung habe nichts Deutschland so verändert wie diese Partei, s...

Waffen und Sprengstoff für den Tag X - "Staatsfeinde in Uniform"

 Es gibt "Prepper", die werden als harmlose Spinner mit Weltuntergangsfantasien belächelt. Wenn es sich allerdings um Elitesoldaten und -polizisten handelt, die nicht Wasser, Benzin und Bundeswehrproviant horten, sondern Sprengstoff, Munition und Sturmgewehre, vergeht das Lachen ganz schnell. Ganz besonders dann, wenn rechtsextremistisches Gedankengut im Spiel ist, Todeslisten gegen Politiker, Journalisten und andere Missliebige vorbereitet werden.  Szenarien wie diese spielen nicht nur in diversen Thrillern und Kriminalromaen eine Rolle, zuletzt etwa in "Der Solist" von Jan Seghers, es gibt ganz konkrete Beispiele aus den vergangenen Jahren - und es sind längst keine bedauertlichen Einzelfälle mehr, wie mancher Politiker immer noch glauben möchte. In seinem Buch "Staatsfeinde in Uniform" beschäftigt sich der Journalist Dirk Laabs mit diesem Phänomen, beschreibt Vorfälle und Skandale der Vergangenheit, analysiert das Versagen von Vorgesetzten und Sicherhei...

Bitterböse und traurig - die F*ck-it-Liste

 Es ist nicht ganz einfach, eine Kategorie für John Nivens Roman "Die F*ck-it-Liste" zu finden: Polit-Satire, Thriller, Drama? Wie man es aus anderen Romanen des schottischen Autors kennt, geht es ganz schön brachial und blutig zu. Doch im Gegensatz etwa zu "Kill ´em all" (das ich im vergangenen Oktober hier rezensiert habe https://nimm-ein-buch.blogspot.com/2020/10/der-bad-boy-ist-zuruck-kill-em-all.html), ist Die F*ck-it-Liste, düsterer, trauriger, ohne die an Tarrantino erinnerten Gewalt-Grotesken. Wie Leonard Cohen schon sang: You want it darker? Das gilt für dieses Buch.  Nicht nur, dass Frank Brill, ehemaliger Zeitungsredakteur einer Kleinstadtzeitung im Mittleren Westen, erfahren muss, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist und ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Der Mann hat in den vergangenen Jahren gleich mehrere schwere Schicksalsschläge überstehen müssen: Seine dritte Frau und sein jüngster Sohn kamen bei einem Schulmassaker ums Leben, seine ältere Tochter...

Reise durch das schwarze Europa - Afropäisch

 Gibt es so etwas wie eine gemeinsame schwarze europäische Identität in Europa? Der Autor und Moderator Johny Pitts wollte es herausfinden. Für sein Buch "Afropäisch" reiste er fünf Monate lang durch Europa, vom heimischen Großbritannien nach Frankreich, nach Deutschland und Schweden, Russland und Portugal. Er traf Künstler, Immigranten, Menschen aus Vorstädten und Slums wie auch aus den angesagten Adressen der jeweiligen Hauptstädte. Ein wenig war er wohl auch für sich selbst auf der Suche nach afropäischem Empowerment, nach gelebter schwarzer Solidarität. Dabei habe ich mich mehr als einmal beim Lesen gefragt, wieso er - gerade auf der Suche nach einer postkolonialen, postrassistischen Gesellschaft - letztlich alles wieder auf den Blick auf die Hautfarbe konzentriert. Denn einerseits: Schwarz sein oder mit einer Minderheiten- oder Einwanderererfahrung zu leben, macht nicht automatisch einen besseren, solidarischen oder politisch bewussteren Menschen. Zum anderen:Es gibt nic...

Keine Chance gegen Rassismus?

Wenn man Robin DiAngela, Autorin von "Wir müssen über Rassismus sprechen", Glauben schenkt, dann sind Weiße per se Rassisten. Leugnen ist zwecklos, Abwehr- und Erklärungsversuche nur ein Zeichen "weißer Fragiliät". Und am allerschlimmsten sind die "Wohlmeinenden Progressiven", die versichern, sie sähen keine Hautfarben, sondern Menschen. Damit leugneten sie nämlich den Rassismus in dem sie sozialisiert und lebenslang gefangen seien. Peng, das hat gesessen! Zwar schreibt DiAngelo, die eine "Diversitätstrainerin"  ist,  über die US-Gesellschaft, zieht Vergleiche zu Australien oder Südafrika - also Länder, in denen vor allem die Geschichte, Realität und der Bevölkerungsanteil Schwarzer Menschen ganz anders ist als etwa in Deutschland. Der Vorschlag, Schwarze Menschen/People of Colour durch Migranten zu "ersetzen", kommt mir angesichts der ganz anderen historischen Bedingungen eher schief vor. Trotzdem, DiAngelo (die selbst übrigens weiß is...

Abrechnung mit Gleichgültigkeit und Schweigen - "Deutschland schafft mich"

Man könnte Michel Abdollahi direkt als Vorzeige-Migranten bezeichnen - wenn er nicht schon längst Deutscher wäre. Wenn auch nicht von Geburt an, da war er Iraner, kam als fünfjähriger mit der Oma nach Deutschland. Seine Eltern waren angesichts des Iran-Irak-Krieges in Sorge, dass bei einem männlichen Kind und damit einem künftigen möglichen Soldaten zu einem späteren Zeitpunkt keine Ausreiseerlaubnis möglich gewesen wäre.  Inzwischen ist der studierte Jurist Abdollahi preisgekrönter Journalist, deutscher Staatsbürger und mittlerweile sehr besorgt. Denn egal wie erfolgreich, wie heimisch - für die Menschen der neuen Rechten, für diejenigen, die in Flüchtlingen eine Bedrohung sehen und in Muslimen Terroristen sieht einer wie Abdollahi nicht deutsch genug aus, um dazu zu gehören. Mit seinem Buch "Deutschland schafft mich" hat der Journalist nun eine sehr persönliche Abrechnung mit gesellschaftlichen Entwicklungen unter dem Eindruck eines Abdriftens nach Rechts geschrieben. Ein...

Literarischer Tribut an das Leid der Chibok-Girls - "Das Mädchen"

Schon der erste Satz zieht den Leser in eine dunkle Welt: "Ich war ein Mädchen, aber ich bin es nicht mehr", beginnt Edna O´Briens Roman "Das Mädchen" über die Geschichte einer nigerianischen Schülerin, die zusammen mit ihren Mitschülerinnen von Kämpfern der islamistischen Miliz Boko Haram aus dem Schlafsaal ihrer Schule entführt, in den Dschungel verschleppt und versklavt wurde. Maryam, die Ich-Erzählerin, wird in der Gefangenschaft immer wieder vergewaltigt und schließlich mit einem der Kämpfer verheiratet. O´Brien, die im Alter von 88 Jahren zweimal in Nigeria für ihren Roman recherchierte, schreibt ohne Larmoyanz, ohne Sensationsheischerei und ohne Voyeurismus über das Schicksal Maryams und ihrer Gefährtinnen. Auch ohne die Gewalt und den Missbrauch plakativ zu schildern, findet sie eindringliche Worte über das Leid der Mädchen, die "stumm wie Leichen" die Gewalt der Männer über sich ergehen lassen müssen.: "Aus den Zellen ringsum tödliches Schw...

"Getauschte Heimat" - Zwischen Tel Aviv und Berlin

Zwei Frauen, zwei Länder, zwei Erfahrungen mit Fremdheit und Ankommen - ein Briefwechsel. Auf diesen Satz lässt sich in Kurzform "Getauschte Heimat" von Yael Levin und Anja Reich bringen. Die israelische Musikerin und die deutsche Journalistin kennen sich kaum,als sie noch in gegenüberliegenden Wohnungen im Prenzlauer Berg leben. Kein Wunder - Yael ist mit ihrer Familie erst seit gerade mal einem Jahr in Berlin, der Stadt, die möglicherweise die neue Heimat für sie und ihre Familie wird. Ihr Mann hatte einen Anspruch auf einen deutschen Pass, die politische Entwicklung in ihrer Heimat fanden sie schon länger bedrückend. Die neue Sprache, die andere Mentalität, das andere Klia - Yael ist noch mitten im Eingewöhnungsprozess. Anja wiederum ist da bereits im Aufbruchprozess. Für zwei Jahre geht sie mit ihrem Mann, ebenfalls Journalist, nach Israel. Die beiden Frauen, die sich über ein Nachbarschaftsnetzwerk kennengelernt haben, beschließen, in einen Briefwechsel zu treten. Je...

Lauter Einzelfälle? - "Extreme Sicherheit"

Nach der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke kamen schnell Stimmen auf, ob die Tat mit politischen Äußerungen des Politikers zur Aufnahme von Flüchtlingen in Zusammenhang stehe. Offiziell zumindest wurde abgebremt: Die Ermittlungen liefen in alle Richtungen, hieß es, zumindest laut öffentlichen Stellungnahmen wurde das private Umfeld abgetastet. Als dann schließlich ein Mann mit rechtsextremer Vergangenheit  als mutmaßlicher Tatverdächtiger festgenommen wurde, wurden Fragen nach rechtsextremen Netzwerken ebenfalls zunächst ins Reich der Spekulationen verwiesen. Die Informationen über die Ermittlungsfortschritte sind zwar nach wie vor spärlich, doch mittlerweile scheint immerhin bestätigt, dass der mutmaßliche Mörder zumindest Kontakte zu anderen gehabt hat. Der - öffentliche - Umgang mit dem Fall Lübcke ist kein Einzelfall. Sicher,  Ermittler werden sich immer mit Informationen zurückhalten, schon mit Blick auf ein künftiges Strafverfahren und die Über...

Die Zauberlehrlinge - von Recht, Unrecht und der Frage nach Menschlichkeit

Es war eine Entscheidung, die bei mir  seinerzeit tatsächlich mal Stolz ausgelöst hat auf die deutsche Regierung: Die Entscheidung, den meist aus Syrien kommenden Flüchtlingen die Grenzen zu öffnen. Willkommenskultur wurde ein neuer Begriff und das vielleicht im Rückblick etwas naive "Wir schaffen das!" zu einer irgendwie optimistischen Botschaft. Wie lange scheint das mittlerweile her! Mittlerweile lassen sich mit Angst vor Fremden ziemlich gut Wählerstimmen generieren und viele derjenigen, die damals die Willkommenskultur teilten, sind verunsichert. Natürlich ist es eine ziemliche Herausforderung, eine so große Zahl von Menschen aus einem ganz anderen Kultur- und Sprachraum in der Gesellschaft zu integrieren. Natürlich gibt es  Konflikte. Natürlich kommen außer denen, mit denen man sich vorbehaltlos solidarisieren will, auch solche, die man lieber nicht als neue Mitbürger haben will. In dem Buch "Die Zauberlehrlinge" von  Stephan Detjen und Maximilian Steinbei...

Überbitten - faszinierende Selbstbefreiung einer jungen Frau

Was für ein Mut und Durchhaltevermögen, welch gnadenlose Ehrlichkeit und Selbstentblößung auf dem Weg zu einer schmerzhaften Selbstverwirklichung - das war mein Eindruck nach der Lektüre von "Überbitten" von Deborah Feldman. Und was für eine Lebensgeschichte von einer Kindheit in einer ultraorthodoxen Nachbarschaft in Brooklyn, die mit ihren vielen Regeln, Traditionen und sozialer Kontrolle mehr an ein galizisches Shtetl erinnert, bis zum buchstäblichen Neubeginn in Berlin. Ausgerechnet Berlin, der deutschen Hauptstadt, gewissermaßen dem Herzen der Dunkelheit im Kollektivbewusstsein ihrer Großmutter und ihrer früheren Gemeinschaft von Holocaust-Überlebenden. Deborah Feldman aufgrund ihres Geburtsortes eine amerikanische Autorin zu nennen, scheint irgendwie falsch - ihre Muttersprache war Jiddisch, die Familientradition geprägt von der untergegangenen alten Welt, angefangen vom Gulasch der Großmutter über die ewigen Schatten der ermordeten Familienangehörigen. Mit Anfang 20,...

Gehört Sachsen noch zu Deutschland? - Erklärungsversuche zur Stimmung im Osten

Die Frage auf dem Buchtitel klingt erst mal provokant: Gehört Sachsen noch zu Deutschland? Gehört das, was von Pegida-Demonstrationen bis zu starker (Wahl-)Unterstützung für die AfD, von Angriffen auf Flüchtlingsheime zu den Parolen der Neuen Rechten zu dem Grundkonsens, auf dem die Gesellschaft in Deutschland aufgebaut ist, jedenfalls bis jetzt? Abrechnung oder ein Fall von Ossi-Bashing? Autor Frank Richter ist ein Insider: Parteiloser Politiker, Theologe, ehemaliger Direktor der Landeszentrale für politische Bildung und selbst ein Sachse, der in der DDR aufgewachsen ist. Also einer, der gute Voraussetzungen hat, Befindlichkeiten und Vorgänge zu erklären, die verschrecken, irritieren, wütend machen. Was ist los in Sachsen, dass die Parolen der Rechten auf so fruchtbaren Boden fallen? Richter wütet nicht, er klagt nicht an, er versucht zu erklären. Wie es damals zu DDR-Zeiten war, als die Region um Dresden als Tal der Ahnungslosen galt, weil die Reichweite des West-Fernsehens nicht...