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Sachlicher und analytischer Blick auf den Gaza-Krieg

 Wenn über den Gaza-Krieg diskutiert wird, verlaufen die Gesprächslinien zunehmend emotional, verhärtet und konfrontativ. Da tut es immer gut, wenn ein sachlicher Ton die Hitze aus der Debatte nimmt und zum Nachdenken anregt. "Der 7. Oktober und der Krieg in Gaza" von Muriel Asseburg ist so ein Beitrag zur Debatte - einordnend, erklärend, den historischen und politischen Hintergrund aufzeigend wie auch die jeweilige internationale Vernetzung der Konfliktparteien und die interessierten Seiten, die den Krieg als proxy für eigene Ziele nutzen. Die Autorin ist Politikwissenschaftlerin, arbeitet und forscht bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehört der Nahe Osten. Da liegt es nahe, nicht einfach die Parolen der einen oder anderen Seite nachzubeten, sondern einen kühlen und sachlichen Blick auf den Konflikt und die Region. Asseburg erklärt Hintergründe, ordnet ein, zeigt bei aller Analyse auch Empathie für die Menschen auf beiden Seiten des Kon...

Detaillierte Geschichte der Hisbollah

 Wer auf der Suche nach Hintergründen und Vernetzungen der bewaffneten Gruppen im Nahen Osten ist, scheint an Joseph Croitoru nicht vorbei zu kommen. Im vergangenen Jahr las ich mit großem Interesse sein Buch über die Hamas, nun sein neues Sachbuch über die Hisbollah. Einmal mehr zeigt sich Croitoru als gründlicher und faktenreicher Rechercheur, der nicht nur auf die jüngsten Entwicklungen eingeht, sondern Zusammenhänge erklärt und einordnet. Sein Buch beschreibt nicht nur den Werdegang und Aufstieg führender Persönlichkeiten wie des im vergangenen Jahr bei einem israelischen Angriff getöteten Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah. Es ist auch ein Abriss der Geschichte des Libanon in den vergangenen Jahrzehnten und der Rivalitäten der verschiedenen religiösen und politischen Gruppen. Wer kein Religions- oder Islamwissenschaftler ist, bekommt einen Einblick in die historische Spaltung in Schiiten und Sunniten. Natürlich geht es auch um die Rolle des Iran und der islamischen Revolution ...

Vom Versagen der Sicherheitsdienste und "information warfare"

 Der Titel des Buches "Nichtwissen ist tödlich" nimmt die bittere Erfahrung Israels am 7. Oktober 2023 vorweg: Das Land wurde trotz seiner angeblich besten Sicherheitsdienste der Welt vom Terrorangriff der Hamas kalt überrascht. Den Preis zahlten die Toten der Massaker und die mehr als 250 in den Gazastreifen verschleppten Geiseln und ihre Angehörigen und Freunde. Hätte der Angriff und damit auch der folgende Krieg mit seinem Leid für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen und mittlerweile auch im Libanon vermieden werden können?  Inzwischen ist bekannt, wie akribisch sich die Hamas-Kämpfer vorbereitet haben, aber auch, dass Berichte und Analysen der Beobachterinnen nicht weitergeleitet und ausreichend ernst genommen wurden. Ganz abgesehen von den Fehlern der Regierung Netanjahu, die lieber Truppen zum Schutz der - oft militanten und nationalistisch-extremen - Siedler im Westjordanland abstellte, statt die Kibbutzniks im Süden Israels zu schützen. Insofern berichtet auch Ex-Nac...

Kriegstagebuch aus der Distanz

 Es gibt Tagebuchschreiber, die halten ihre persönlichsten Gedanken nur für sich fest - und andere, die schreiben bereits mit dem Gedanken an ein (Lese-)Publikum. Saul Friedländers eher analytisch als persönliches Tagebuch "Israel im Krieg" gehört eindeutig in die zweite Kategorie. Der renommierte Historiker weiß um die historische Tragkraft der Ereignisse, über die er, ausgehend vom 7. Oktober, schreibt. Und er hat von Anfang an den Gedanken, seine Beobachtungen, Analysen, Eindrücke in Bezug auf das zuvor veröffentlichte Tagebuch zur Innenpolitik Israels im Streit um die Justizreform fortzusetzen, denkt an eine Veröffentlichung beider Texte in einem Band. Was Friedländers Tagebuch etwa von dem vor wenigen Wochen  veröffentlichten Tagebuch Dror Mishanis unterscheidet - das Persönliche wird stark zurückgenommen, Friedländer beobachtet die Entwicklung in seiner Heimat mit dem Blick eines Wissenschaftlers, weniger eines Betroffenen. Der Ansatz ist distanziert, buchstäblich: Frie...

Von Pilgern und Eroberern

 Sehnsuchtsort Jerusalem?  Das gilt nicht nur für die Haggada beim Pessachfest ("nächstes Jahr in Jerusalem") - die Stadt, die einer der heiligsten Orte überhaupt für Christen, Juden und Muslime ist, hat über die Jahrhunderte Pilger und Eroberer angezogen, war und ist Streitball der Mächte und eines der ungelösten Probleme des Nahostkonflikts. In seinem sowohl lehrreichen wie auch unterhaltsamen und gut zu lesenden Buch "Unterwegs ins Morgenland" beschreibt Bernd Brunner, was die teils frommen, teils sehr weltlichen Reisenden sowohl erwarteten als auch erlebten, wenn sie sich auf die oft beschwerliche und mitunter jahrelange Reise ins "Heilige Land" machten. Ein Schwerpunkt liegt bei den christlichen Pilgern und den Kirchen, die in Jerusalem teils erbittert und buchstäblich handgreiflich um die pole position und Kontrolle der heiligen Stätten konkurrierten. Geburtskirche in Bethlehem und Grabeskirche in Jerusalem weckten da ganz besondere Begehrlichkeiten....

Nachdenkliche Betrachtung des Nahostkonflikts

 Mit "Niemals Frieden?" hat Moshe Zimmermann eine nachdenkliche, reflektierte und überaus lesenswerte Betrachtung des Nahostkonflikts  geschrieben. Das tut gut angesichts der Polemik beider Seiten, die seit dem 7. Oktober nicht weniger geworden ist. Und umso schwerer ist es für diejenigen, die trotzdem nicht hassen wollen, sondern nach einem Ausweg aus einem scheinbar aussichtslosem Dilemma suchen. Zimmermann wurde in Jerusalem geboren, als der Staat Israel noch gar nicht existierte, er beschreibt seine familiären Wurzeln als religiös-zionistisch und er hat, wie er im Vorwort verrät, sein Buch auf Deutsch geschrieben (seine Familie stammte ursprünglich aus Hamburg), vielleicht vor allem mit Blick auf eine deutsche Leserschaft, gerade in den Abschnitten über das deutsch-israelische Verhältnis und die deutsche Haltung im Nahostkonflikt. Er ist Sozialhistoriker, vielleicht hilft dieser akademische Hintergrund, sich nicht von tagesaktuellen Aufgeregtheiten zu einer vorschnellen R...

Innenblick auf den BND - Mister Hizballah erzählt

 Dass James Bond ein reines Phantasieprodukt ist und Spione ein ganz anderes Leben haben als der Leinwandheld mit der Lizenz zum Töten - das ist wohl auch den Fans des Genres klar.  Mit seinem Buch "Keine Lizenz zum Töten" räumt Gerhard Conrad mit den gängigen Klischees über das Leben in mehr oder weniger geheimer Mission auf. Der Mann weiß, wovon er spricht - schließlich war er jahrelang Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) und hatte hohe Positionen im Nachrichtenwesen auch auf europäischer Ebene inne. Damit ist schon mal klar: Alles, was Conrad in dem Buch über sein Agentenleben berichtet, ist vermutlich stark gefiltert und schildert nur Fälle, die ohnehin bereits öffentlich bekannt sind oder die zumindest nicht mehr als Staatsgeheimnis  gelten. Diskretion als oberstes Gebot eines Nachrichtendienstlers endet schließlich nicht mit dem Eintritt in den Ruhestand. Der Politik- und Islamwissenschaftler Conrad war gewissermaßen zur richtigen Zeit am richtigen Ort, ...

Familienepos vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts - Der große Wind der Zeit

Joshual Sobol ist vor allem als Dramatiker (Ghetto) bekannt.  Mit "Der große Wind der Zeit" hat der israelische Autor nun aber auch einen epischen Roman geschrieben, der über vier Generationen einer Familie hinweg die Geschichte Israels wie auch des Nahostkonflikts erzählt und vor allem mit zwei starken Frauenfiguren beeindruckt. Da ist zum einen Libby, eine junge israelische Soldatin, wegen ihrer exzellenten arabischen Sprachkenntnisse als Verhörspezialisin eingesetzt. Sie ist eine, die mit ihren Hinhörqualitäten Terroristen "geknackt" hat, ganz ohne Gewalt. Im letzten Verhör ihrer Armeezeit trifft sie auf Adib - Palästinenser, Historiker, in Großbritannien aufgewachsen. Er ist zum Begräbnis seiner von israelischen Soldaten erschossenen zwölfjährigen Cousine nach Israel gekommen und den Sicherheitsbehörden gewissermaßen qua Geburt suspekt.  Dass die Frau mit Kopftuch, die in seine Zelle geführt wird, ihm eigentlich Informationen entlocken soll, ist Adib sofort klar...

Land unter im Paradies - Reportagen zum Klimawandel

#Sachbuch #Klimawandel #Umwelt #Afrika #Nahost #Europa #USA Wie zeigt sich der Klimawandel im Kleinen, für Weinbauern und Fischer, für Inselbewohner und Menschen, die in Regionen leben, in denen ohnehin schon Wassermangel herrscht? Dieser Frage ist die Historikerin und Autorin Susanne Götze in einer Sammlung von Reportagen nachgegangen. Ein Großteil der in Afrika, Europa, Amerika und dem Nahen Osten recherchierten Artikel ist nicht mehr ganz neu – einige von ihnen wurden bereits vor rund zehn Jahren veröffentlicht. Götze sprach mit Kommunalpolitikern und Bauern, Wissenschaftlern, Umweltschützern, aber auch mit Leugnern des Klimawandels. Ihr persönliches Engagement und ihre eigene Betroffenheit über die Auswirkungen von Klimaveränderungen, über nur langsam greifende Anpassungsmaßnahmen werden nicht nur angedeutet, sie sind stellenweise geradezu plakativ.  Darin liegt die Schwäche der Reportagesammlung, jedenfalls wenn die Grundregeln objektiver, an Tatsachen orientiert...