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Spurensuche, zwei Generationen danach

 Vielleicht hätte sich Pippa Goldschmidt ohne den Brexit nicht zu diesem Schritt entschlossen - die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, zusammen mit ihrem Vater, der - wie sie später in ihrem Buch "Deutschstunden" andeutet - davon zunächst gar nicht begeistert war. Ein Recht auf einen deutschen Pass, ohne Einbürgerungstest und Sprachnachweis, hatte sie aufgrund ihrer Familiengeschichte: Großvater Ernst war als junger Mann in den 1930-er Jahren aus seiner Heimatstadt Frankfurt nach Großbritannien emigriert. Der Jurist, der im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatte, wusste, dass er als Jude im nationalsozialistischen Deutschland nicht mehr sicher war. Seine Mutter würde ihm später folgen, gerade noch rechtzeitig. Pippa Goldschmidt hatte ihren Großvater nie kennengelernt, er war vor ihrer Geburt gestorben. Ihre Großmutter, die aus ihrer Geburtsstadt Wien vor den Nazis nach Großbritannien geflüchtet war, hatte nie von ihren Erfahrungen und dem Schicksal ihrer Fami...

Weiterleben nach dem Anschlag

 Es gibt Daten, die brennen sich ins Gedächtnis ein - der 11. September, der Tag des Mauerfalls. Aber eben auch der 19. Februar, der Tag des Terroranschlags von Hanau. Vielleicht nicht so global, aber für die Menschen im Rhein-Main-Gebiet war es ein Tag, der das Gefühl von Sicherheit in der multikulturellen Gesellschaft der Region nachhaltig erschüttert hat. Das gilt um so mehr für Menschen wie Said Etris Haschemi: Er überlebte den Anschlag in der Arena-Bar schwerverletzt, sein jüngerer Bruder Nesar wurde getötet, ebenso wie acht andere junge Menschen an den beiden Tatorten. Sein Buch "Der Tag, an dem ich sterben sollte", ist eine Auseinandersetzung mit dem Anschlag und seinen Folgen, mit den Fragen der Angehörigen und Freunde, die im Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags nicht zu ihrer Zufriedenheit beantwortet wurden. Hashemi hat mit der Initiative 19. Februar zusammengearbeitet, und das merkt man dem Buch teilweise an - immer dann, wenn Aktivist*innensprech und -d...

Liebeserklärung, Abrechnung und Überlebenden-Biografie

 Fordernde, mitunter übergriffige, nicht loslassende, vorwurfsvolle und schnell beleidigte Mütter sind - dem Klischee der jiddischen Mamme und etlichen Serien-Übermüttern zum Trotz - keine rein jüdische Besonderheit. Allerdings, falls besagte Mutter obendrein Holocaust-Überlebende ist, kommen Vorwürfe dazu, die dem Nachwuchs ein geballtes Maß an Schuldgefühlen aufbürden, die  gojim-Kinder nie gekannt haben. Zum Beispiel: Für so was habe ich überlebt! All die Familienangehörigen, die ich verloren habe, und statt dessen habe ich nun jemand wie dich! Mal ganz abgesehen vom transgenerationalem Trauma, das weitergegeben wird. Mit seinem Buch "Mameleben" hat Michel Bergmann seiner Mutter Charlotte ein literarisches Denkmal gesetzt, in dem die widersprüchlichen Gefühle deutlich und nachvollziehbar werden. Denn so nervtötend die eigene Mutter auch sein kann, man kommt nicht ganz los auch dieser Beziehung, ist von frühen Kindheitserfahrungen geprägt fürs Leben. So ist "Mameleben...

Von Fernweh und Chancen

 Beim Lesen von "Öfter mal die Welt wechseln" von Armin Geiges hatte ich ein echtes Deja vu Erlebnis, erinnerte mich Art und Ton des Buches doch stark an Veranstaltungen meiner Studentenzeit. Leitende Redakeure machten in Zeiten großen Andrangs auf die Medien bei Veranstaltungen wie "Magisterstudium - und dann?" Vorschläge wie: Fahren Sie doch einfach mal ins nächste Krisengebiet und bieten Sie von dort Geschichten an. Die nächsten, damals aktuellen Krisengebiete waren unter anderem El Salvador und Nicaragua. Mal eben so hinzufliegen wäre mir schon allein finanziell nicht möglich gewesen. Geiges dagegen zog es im Wendejahr 1989 nach Moskau und er knüpfte Kontakte mit Medienvertretern, die sich dann auch in der Folgekarriere immer wieder als einträglich wie auch erfolgreich erwiesen. Vermutlich kein Wunder, wenn er also im Rückblick auf sein Globetrotter- und Expatleben - unter anderem als Stern-Korrespondent in  China, für Spiegel-TV und RTL unterwegs in Russland, v...

Plädoyer für einen Journalismus mit Rückgrat

 Sie hat den Friedensnobelpreis erhalten und steht seit Jahren immer mit einem Bein im Gefängnis - nur weil sie ihren Job macht. Mit ihrer Biografie "How to stand up to a dictator" hat die philippinisch-amerikanische Jourmalistin Maria Ressa nicht nur ihre Lebensgeschichte erzählt, sie hat auch ein starkes Plädoyer für einen Journalismus mit Rückgrat geschrieben. Als Einwandererkind in den USA eher schüchtern und aufs Lernen focussiert, hat Ressa mit der Rückkehr in ihr Geburtsland steile Karriere gemacht als Südostasien-Korrespondentin bei CNN und langjährige Leiterin einer TV-Nachrichtenredaktion. Die 1963 geborene Journalistin setzte auf Datenjournalismus und digitale Formate, als viele ihrer Generation noch stark damit fremdelten, die Print-Welt zu verlassen oder eine andere Option der Publikation zumindest als gleichwertig zu akzeptieren.  Als Mit-Gründerin des rein digitalen Nachrichtenportals "Rappler" beschritt Ressa Neuland. Sie versprach sich davon mehr Pa...

Vom galizischen Stetl ins Wiener Großbürgertum

 Ein Aufstieg aus ärmlichsten Verhältnissen, Leben in der großbürgerlichen Welt am Wiener Ring, nur um am Ende verfolgt, misshandelt und auf seine jüdische Herkunftsgeschichte reduziert zu werden - die Geschichte von Isidor Geller in Shelly Kupferbergs Doku-Roman "Isidor" steht für einen der sechs Millionen Opfer der Shoah. Die Autorin hat in Archiven nach der Familiengeschichte geschürft und sich vor allem auf die Geschichte ihres Urgroßonkels konzentriert.  Als Kind einer streng orthodoxen Familie in einem galizischen Stetl kannten Isidor und seine Geschwister vor allem Armut und die tiefe Frömmigkeit ihrer Eltern. Intelligent und begabt, konnten zumindest die Brüder aber einen Schulbesuch an einer weltlichen Schule und nicht nur an eine Yeshiva durchsetzen, gar das Gymnasium in der nahen Kleinstadt - und so einen Blick auf die Welt außerhalb religiöser Beschränkungen werfen, feststellen, dass es auch Juden gab, die sich von manchen alten Sitten und Traditionen getrennt hat...

Ölbarone und Bolschewiken - vorrevolutionäre Jugend in Aserbaidschan

 Frühreif, lebenshungrig und immer auf der Suche nach Liebe: Die 1905 geborene Banine wächst als Tochter eines "Ölbarons" in Baku in einer weitverzweigten Familie auf, in der sich alles um Geld, Geschäfte, Glückspiel und Erbstreitigkeiten dreht. In dem autobiographischen Roman "Kaukasische Tage", der nach der Erstveröffentlichung im Jahr 1949 nun mit neuer Übersetzung wieder erschienen ist, gibt sie einen Einblick in eine Zeit voller Umbrüche und in die vorrevolutionäre Gesellschaft.  Der Blick zurück fällt wenig milde aus:"  Wir alle kennen Familien, die als arm, aber anständig gelten. Meine hingegen war extrem reich, aber alles andere als anständig."   Der verwitwete Vater - die Mutter starb bei Banines Geburt - ist eine distante, aber nichtsdestoweniger dominierende Erscheinung. Banine und ihre drei älteren Schwestern wachsen auf in einer Welt die von Hinwendung an westliche Ideen - die Kinder werden von einem deutschbaltischen Kindermädchen aufgezogen ...

Eine Liebe zwischen Krieg und Schreibmaschine - "Hemingway und ich"

Wenn junge, ehrgeizige Journalistinnen, die sich auch zur Kriegs- und Konfliktberichterstattung hingezogen fühlen, nach weiblichen Rollenvorbildern in der viele Jahre doch von Männern dominierten Szene suchen, taucht früher oder später der Name Martha Gellhorn auf. Was hat sie nicht alles gemacht, damals noch als eine der ganz wenigen Frauen – im spanischen Bürgerkrieg war sie dabei und bei der Landung der Alliierten in der Normandie, im sowjetisch-finnischen Winterkrieg, später auch in vielen anderen Konflikten nach dem Zweiten Weltkrieg. Nun hat Paula McLain ihr ein Buch gewidmet. Schon der Titel “Hemingway und ich” macht allerdings deutlich, dass es nicht nur um die Biografie der Kriegsreporterin Gellhorn geht, sondern ganz besonders um die intensive, konfliktreiche Liebesbeziehung mit dem Schriftststellerkollegen Ernest Hemingway und dem Ringen der Romanautorin Gellhard, als eigenständige Autorin wahrgenommen zu werden, nicht als die Geliebte und spätere Ehefrau Nummer Dr...