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Literarische Archäologie in dystopischer Zukuft

 Literarisches Rätsel, Dystopie einer vom Klimawandel gezeichneten Zukunft und komplizierte Beziehungsgeflechte - mit "Was wir wissen können" hat Ian McEwan einen faszinierenden Roman mit verschiedenen Zeit und Erzählperspektiven geschrieben. Damit überzeugt er sowohl inhaltlich als auch erzählerisch und bietet viel Stoff zum Nachdenken. Das Buch führt in eine gerade mal knapp 90 Jahre entfernte Zukunft, doch völlig andere Welt. Die Regierungen haben die Kipppunkte ignoriert, um die Erderwärmung zu stoppen oder zumindest zu mindern. Schmelzen der Polkappen und Anstieg der Meeresspiegel sind kein Zukunftsszenario mehr, sondern die Realität einer Menschheit, in der Weiße selten geworden sind, die Menschheit besteht überwiegend aus verschiedenen Schattierungen von braun und die neue Supermacht heißt Nigeria. KIs kontrollieren einen großen Teil des Lebens und werden gerade von den jungen Menschen nicht hinterfragt. Europa hat seine Konflikte und Kriege ebenso schlecht überwunden ...

Muttis im Speckgürtel

 Die Leseprobe hatte mich neugierig gemacht auf  Hannah Lühmanns Roman "Heimat" - Tradwives im brandenburgischen Speckgürtel um die Hauptstadt und eine Stadtflüchterin, die zwischen Entsetzen und Faszination angesichts dieser so ganz anderen Frauenwelt schwankt.  Der Einstieg klang vielversprechend. Die allmähliche Assimilation von Erzählerin Jana, deren Partnerschaft gleichzeitig zerbricht, konnte mich dann aber nicht überzeugen. Zwischen AfD-Wahlständen und einem Buchklub, in dem die Rolle der Hausfrau und Mutter gepriesen wird, scheint sie sich immer wohler zu fühlen und immer weniger zu hinterfragen.  Gleichzeitig bleibt die Faszination für den Mann ihrer neuen Freundin Karolin nicht nachvollziehbar, ebensowenig, was Karolin letztlich umtreibt. Sie wirkt zu selbstbewusst, um sich ihrem Mann unterzuordnen, doch was zieht sie eigentlich in die traditionelle Frauenrolle? Spannungen, etwa im Zusammenhang mit ihrem Kind aus einer früheren Beziehung, das in der Familie...

Alles in Auflösung

 Das marode Haus, das über der Journalistin Willa und ihrer Familie zusammenzustürzen droht, ist symbolisch für die Ungewissheiten und Zerfallserscheinungen in Barbara Kingsolvers Roman "Die Unbehausten": alles ist irgendwie in Auflösung. Beruflich, Privat und Politisch. Denn Willa bekommt als Journalistin die Auswirkungen der Medienkrise zu spüren. Die einstige Zeitschriftenredakteurin muss nun als Freelancerin über die Runden kommen. Ihr Mann, ein Universitätsprofessor, hofft auch mit über 50 noch vergeblich auf eine Festanstellung. Tochter Tig, zu der Willa seit Jahren ein konfliktbeladenes Verhältnis hat, driftet scheinbar ziellos durchs Leben und ist gerade wieder in die Familie zurückgekehrt. Sohn Zeke, ehrgeiziger Harvard-Absolvent mit enormen Studienschulden, erlebt eine private Tragödie. Seine Freundin hat Suizid begangen, das gemeinsame Kind ist erst wenige Wochen alt. Zeke geht auf emotionale Distanz zu dem Baby, das in Willas Obhut kommt. Aus einem Provisorium wir...

Einsamkeit in Zeiten des Klimawandels

 Eines ist bei den Romanen von Charlotte McConnaghy garantiert: Die Natur spielt eine Hauptrolle, mit großartigen Beschreibungen von Landschaft, Flora und Fauna, mit einem aufmerksamen Blick und einer ruhigen Erzählweise. Das ist auch in ihrem neuen Buch, "Die Rettung" nicht anders.  Der Titel ist zutreffend und doch auch wieder nicht. Denn in der Tat wird die schwerverletzte Rowen nach einem Schiffbruch gerettet. Doch die einsame Insel zwischen Australien und Antarktis, auf der nur noch der verwitwete Forscher Dominic mit seinen drei Kindern lebt, ist bereits durch den Klimawandel verloren. Der Meeresspiegel steigt, der Saatbunker, in dem Saaten seltener, teils bereits ausgestorbener Pflanzen für künftige Generationen aufgelöst werden, kann nicht aufrechterhalten bleiben. Dominic betreibt die Abwicklung, nachdem die Wissenschaftlerteams die Insel bereits verlassen haben. Zwischen Pinguinen, Robben und Seeelefanten herrscht zunächst spannungsvolles Misstrauen zwischen Rowen u...

Frauenfreundschaft und -solidarität

 Mit ihrem Buch "Dream Count" hat sich die US-nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie nach längerer Pause mit einem Roman zurückgemeldet. Sie hat lange an dem Roman gearbeitet, und mit dem Schreibprozess fielen die Corona-Pandemie sowie der Tod ihres Vaters (den sie in ihrem Buch "Trauer ist das Glück, geliebt zu haben" verarbeitete) und nur ein Jahr später der Tod ihrer Mutter, der sie den neuen Roman widmete. Tatsächlich ist "Dream Count" vor allem ein Buch über die Lebensgeschichten, -träume und Freundschaften von Frauen. Wobei die Mutter-Tochter-Verhältnisse, die darin beschrieben werden, teils innig, teils durchaus ambivalent sind. Es ist auch ein Spagat zwischen den Welten in Nigeria beziehungsweise Westafrika und den USA, Adichies Wahlheimat. Drei der Protagonistinnen entsprechen so gar nicht dem Klischee, das viele Menschen in Europa und Nordamerika von Afrikanerinnen haben: Die Reiseschriftstellerin Chiamaka, die Anwältin Zikora un...

Spionin in Landkommune

 Sadie Smith, die Protagonistin in Rachel Kushners ungewöhnlichem Spionageroman "See der Schöpfung", heißt eigentlich ganz anders - aber Namen sind für die Ich-Erzählerin so eine Sache. Sie schlüpft scheinbar mühelos in neue Identitäten, die sie über Monate aufrechterhält, in ein erfundenes Leben eintaucht. Früher für die CIA, mittlerweile für private Auftraggeber. Anders als James Bond hat sie keine Lizenz zum Töten, sondern verlässt sich eher auf die Waffen einer Frau, insbesondere ihre beachtlichen, wenn auch nicht ganz echten Brüste. Und statt Martini bevorzugt sie französische Weine.  Ihr neuer Auftrag führt Sadie auch nicht in den internationalen Jet-Set, in dem sich 007 bewegt, sondern in eine französische Landkommune. Die Annäherung war lang und konspirativ, auch etwas, was in einem James Bond-Film nie vorkommt: Die angebliche Langzeit-Literaturstudentin hat ein Verhältnis mit Lucien begonnen, einem Regisseur aus großbürgerlicher Pariser Familie. Lucien glaubt selbstv...

Die Rache der alten Damen

 Die Auswirkungen von Patriarchat und Misogynie hat Margaret Atwood in ihren Romanen mehrfach beschrieben - allen voran in ihrem berühmten "Report der Magd" oder "Die Zeuginnen". Mit "Hieb und Strich" schlagen nun die Frauen zurück. Mit einer Länge von gerade mal 48 Seiten handelt es sich eher um eine Kurzgeschichte als eine Novelle, die aber ist vergnüglich zu lesen. Ein bißchen erinnert die Handlung an das Sprichwort, wonach Rache am besten kalt gegessen wird: Eine Gruppe alter Damen, allesamt aus dem akademischen Lehrbetrieb, wollen sich an einer Gruppe Männern rächen, die einst die literarische Karriere einer Freundin mit Verrissen und hämischer Kritik in einer Literaturzeitschrift zerstörten. Die Autorin hatte sich nie von den Attacken des Männerklüngels erholt und ihr literarisches Potential ausgelebt, inzwischen ist sie todkrank. Späte Gerechtigkeit soll her. Die mobbenden Herren müssen bestraft werden, das aber endgültig.  Bei Gin Tonic, Weinschorl...

Leise Geschichte aus dem hohen Norden Kanadas

 "Wie Zugvögel" von Elizabeth Hay startet langsam, und das passt zu dieser langsamen Geschichte über Menschen im hohen Norden Kanadas. Wer in der Stadt Yellowknife nahe der arktischen Wildnis lebt, ist - mit Ausnahme der indigenen Menschen - ein Zugezogener, in so manchem Fall auf der Flucht vor sich selbst oder der Vergangenheit. In der klaren Luft des Nordens und seinen hellen Sommern scheint so mancher Neuanfang möglich.  Die Protagonisten arbeiten bei einem lokalen Rundfunksender, ihre Schicksale sind zunehmend miteinander verwoben: Harry, der unfreiwillige Sendechef mit Alkoholproblem, der sich erst in die Stimme, dann hoffnungslos in die schöne Sprecherin Dido verliebt. Doch die steht mehr auf den kompromisslosen Techniker Eddie. Die kluge, belesene Sendersekretärin Eleanor beobachtet die Vorgänge und sorgt auf unaufdringliche Art für mehr Harmonie. Gwen, eine junge Frau aus dem Osten, ist voller Unsicherheiten und wird in Yellowknife während ihrer einsamen Nachtschicht...

Verlust und Hoffnung

 Für viele Menschen ist Jaap Hollander lange Zeit so etwas wie die letzte Hoffnung gewesen: Ein Gehirnchirurg, der weltweit zu den Koryphäen  gezählt werden, die sich auch an schwierigste Operationen heranwagen. Auch Jaap lebt in einer Hoffnung, die zunehmends vergeblich scheint: Er möchte seine seit zehn Jahren vermisste Tochter wiederfinden, die vor zehn Jahren während einer Birthright-Reise mit einem jungen Amerikaner im Krater im israelischen Mitzpe Ramon spurlos verschwand. Jaap ist der Protagonist in Leon de Winters neuem Roman "Stadt der Hunde", in dem es um Hoffnung und Verlust, Identität und Illusion, Phantastisches und allzu Realistisches geht. Seit der Vermisstenmeldung ist nichts mehr wie zuvor, die ohnehin nur routinemäßige Ehe ist mittlerweile Geschichte. Jedes Jahr fliegt Jaap nach Israel, sucht den Krater auf, versucht, neue Spuren zu finden. Es ist eine Reise in das Land, in dem seine Tochter ihre jüdischen Wurzeln suchte, während Jaap, der Sohn von Holocaust...

Gebrauchslyrik und Punk

 Manchmal genügt ein Name, um einen Hörsaal garantiert zu füllen. So auch bei Andreas Frege an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität, sehr viel besser bekannt unter dem Namen Campino. Der Sänger und Frontmann der Toten Hosen äußert sich immer wieder nicht nur auf der Bühne, sondern auf Demonstrationen oder anderen öffentlichen Auftritten pointiert zu gesellschaftlichen Themen, zu Rasssimus, Rechtsextremismus usw. Ein Hörsaal war bisher eher nicht die gewohnte Umgebung des Düsseldorfer Musikers. Entsprechend groß war die Neugier auf seine beiden Gastvorlesungen. Wer den live-Auftritt verpasst hat, kann Campinos "Liebeserklärung an die Gebrauchslyrik" nun nachlesen. Unter dem Titel "Kästner, Kraftwerk, Cock Sparrer" zeigt sich Campino als Fan von Erich Kästners Gedichten, geht auch auf Heinrich Heine, den Namenspaten der Universität und dessen Gedichte ein, die er im Laufe der Jahre zu schätzen gelernt hat und schlägt natürlich auch den Bogen zur Musik und dem L...

Berlin wird in Dystopie wieder zur Mauerstadt

 Berlin, eine Insel. Berlin, die Mauerstadt. Das gab es schon einmal. Doch in Anne Reineckes Roman "Hinter den Mauern der Ozean" geht es nicht um die Vergangenheit im Kalten Krieg, sondern eine ferne Zukunft, gestaltet durch Klimakatastrofe und wer weiß, was noch. Berlin ist von einer hohen Mauer umgeben und jenseits der Mauern ist Land unter. Wie weit sich dieser Ozean erstreckt, bleibt unklar. Das Meer ist, der hohen Mauer wegen, nicht zu sehen, höchstens je nach Jahreszeit zu hören oder zu riechen.  Und Berlin ist nicht länger eine Millionenmetropole sondern die Heimstatt der fünf "Ewigen" - Lola, Friedrich, Wilhelm, Alexander und Else. Lauter Namen, die fest mit preußischem/Berliner Kulturgut und Historie verbunden sind. Sind auch die Fünf mehr Symbol als echte Menschen? Als Bewahrer des kollektiven Gedächtnisses der "Alten" haben sie eine Rolle zu spielen. Sind sie überhaupt Menschen oder eine Art Klon? Wenn eine*r von ihnen alt wird, kommt die Zeit d...

In Lauerstellung in der Kleinfamilie

 Von wegen Familienidyll - in "Kleine Monster" von Jessica Lind belauert eine Mutter ihren siebenjährigen Sohn nach einem Vorfall in der Schule. Äußerlich steht sie zu ihrem Kind, tatsächlich aber traut sie ihm offenbar alles Mögliche zu. Dabei bleibt stets offen, was Luca eigentlich vorgeworfen wird. Angedeutet wird ein sexueller Zusammenhang - oder alles nur ein Missverständnis? Das Bild Pias als zugewandter, achtsamer Mutter bekommt jedenfalls bald Risse, ihre Reaktionen, ihr Umgang mit dem Kind haben etwas durchaus Manipulatives. Immer mehr rückt die Gegenwart allerdings in den Hintergrund, denn in Pias Ursprungsfamilie gibt es ein unbewältigtes Trauma, das sowohl die Beziehung zu ihren Eltern als auch zu der Adoptivschwester Romi, zu der kein Kontakt mehr besteht, beeinflusst hat. Wer ist da das Monster? Romi, die Fliegen die Beine ausgerissen hat? Oder auch Pia, die den Weg des geringsten Widerstands gegangen ist? Ist die scheinbar harmonische Kleinfamilie von Pia, Luca...

Plötzlich Tyrannei

 Mit seinem Roman "Das Lied des Propheten" hat der irische Schriftsteller Paul Lynch eine düstere Dystopie geschrieben, die zugleich an Parallelen in Vergangenheit und Gegenwart erinnert. Am Beispiel einer sechsköpfigen Dubliner Familie beschreibt er die alptraumhaften Auswirkungen, wenn eine autoritäre Regierung in Tyrannei umschlägt und ein Land in einen Bürgerkrieg stürzt. Im Fall des Buches ist es die "Nationale Allianz", deren Griff  zunächst nur allmählich das gesellschaftliche Leben und für selbstverständlich geglaubte Freiheiten abwürgt. Als zwei Polizisten an der Tür von Eilish Stack klopfen und nach ihrem Mann Larry, einem Gewerkschafter, fragen, weckt das zunächst nicht ihr Misstrauen. Larry hat nichts zu verbergen, und das Recht auf Gewerkschaften ist in der Verfassung verbrieft. Doch als Larry das Polizeirevier aufsucht, kehrt er nicht zurück. Er ist nicht der Einzige, der plötzlich verschwunden ist. Und plötzlich scheint die ganze Familie als Sicherhei...

Huckleberry Finn, von Jim erzählt

 Mit seinem Roman "James" hat Percival Everett den Klassiker "Huckleberry Finn" von Mark Twain einmal ganz neu aufgerollt: Denn hier erzählt Jim, der entlaufene Sklave, mit dem Huck seine Abenteuer auf dem Mississippi erlebt. Einige Plots sind bekannt, andere kommen ganz neu hinzu. Und natürlich: es ist ein schwarzer Blick auf die bekannt geglaubte Geschichte. Huckleberry Finn war immer die ernstere Geschichte, gegen die die Abenteuer von Tom Sawyer eben wie Lausbubenstreiche wirkten. Eine Coming of Age-Geschichte, in der auch ein durchaus kritischer Blick auf die Sklaverei geworfen wird, auch wenn Twain wegen der Verwendung des N-Worts von politisch besonders korrekten Bibliothekaren und Literaturkritikern heute als schon fragwürdig gesehen wird. Everett zeigt: Besser als Cancel Culture ist es, sich kreativ des Themas anzunehmen. Denn James, der Sklave Jim, mag in Unfreiheit geboren worden sein, aber indem er sich das Lesen und Schreiben beigebracht hat (wie, das b...

Jagdroman der anderen Art

 Mit "Trophäe" ist der belgischen Autorin Gaea Schoeters ein großer Wurf gelungen, obwohl und vielleicht gerade weil er eine Welt und Wertvorstellungen schildert, die laut ihrem Interview auf der Verlagswebseite so gar nichts mit ihrer eigenen Lebensphilosophie zu tun hat. Sie sei eine, die wohl einen Moskito eher an die frische Luft tragen als töten würde. Bei ihrem Protagonisten dagegen kann man sagen: nomen est omen. Der Mann heißt Hunter White und ist in der Tat ein weißer Jäger in Afrika, eigentlich eine selbst langsam aussterbende weil nicht mehr zeitgemäße Alphamännchen-Sorte, die die meisten Menschen überhaupt nicht brauchen. Wo der Roman spielt, bleibt offen, die Andeutungen sprechen für ein Land im südlichen Afrika, doch das bleibt vielleicht absichtlich vage, denn Afrika ist für Hunter nur Kulisse, notwendiges Übel, der Ort eben, an dem er die Tiere findet, die er jagen will. Zu dem Kontinent, zu den Menschen, die dort leben, hat er keinerlei Bezug, sieht sie nur i...

Geist eines schwulen Kriegsfotografen auf der Suche nach dem eigenen Mörder

 Es gibt Bücher - leider nicht so oft, wie ich es gerne hätte - die sind von Anfang an eine Entdeckungsreise voller Überraschungen, Offenbarungen und neuer Einsichten. "Die sieben Monde des Maali Almeida" von Shehan Karunatilaka ist so ein Buch. Ich kannte bisher überhaupt keine Literatur aus Sri Lanka, die Jahre des Bürgerkriegs, der Kampf der Tamil Tigers und die grottenschlechte Menschenrechtsbilanz des Inselstaates sind mir schon eher ein Begriff. Und jetzt dieser kraftvolle, farbige Roman voller Mythen, Poesie und zugleich sarkastisch-realistischer Beschreibungen der Zu- und Missstände! Der Autor verbindet Mystik, Spannung und Phantasie, während die Leser*innen die Reise von Maali Almeida auf der Suche nach einem Mörder verfolgen. Das Problem dabei: Almeida ist tot, gewaltsam umgekommen, vermutlich ein Opfer der Todesschwadronen in den späten 1980-er Jahren. An die letzten Momente vor dem Ableben kann er sich nicht mehr erinnern, statt dessen steht er vor einer Reihe von...

Das Leben kommt immer dazwischen

 Schon mit dem Titel "Joy" spielt Jonathan Lee in seinem ungewöhnlichen und sprachlich interessanten Roman mit den Erwartungen der Leser*innen. Denn Joy ist nicht nur der Name der Protagonistin, sondern bedeutet bekanntlich auch "Freude". Davon allerdings ist Joy, Top-Anwältin in einer Londoner City-Kanzlei weit entfernt. Zwar steht ihre Karriere nach zehn Jahren vor einem Höhepunkt - sie soll Partnerin werden, mit gerade mal 33 Jahren. Doch die Perspektive ist eher abschreckend.  Joy ist schon lange frustriert von dem Alltag in der Kanzlei, ein typischer alte weiße Männer-Biotop. Ihre Ehe plätschert mittlerweile eher leidenschaftslos dahin, nach einer Tragödie ist das Verhältnis zu ihrer Schwester von Entfremdung geprägt. Joy will nicht mehr. Systematisch, wie sie ist, plant sie ihren Selbstmord. Doch das Leben kommt dazwischen. Zwar wird sie zwischen Leben und Tod schweben nach einem Sturz von einer Plattform, der irgendwie auch symbolisch für ihre Lebenskrise ist...

Ein Unglück, privates Leid und öffentlicher Druck

 Daniel Glattauers Buch "Die spürst du nicht"  beginnt wie ein großbürgerlicher Sommertraum: Zwei befreundete Ehepaare samt Nachwuch fahren gemeinsam zum alljährlichen Sommerurlaub in die Toskana, genießen auf der Terrasse mit Poolblick den ersten Prosecco. Das Leben kann so schön sein, der perlende Wein überdeckt fad gewordene Beziehungen. Diesmal ist die Gruppe erweitert um Aayana, eine Klassenkameradin der 14-jährigen Sophie-Luise, in der Klasse eher isoliert. von So-Lu aber als neue beste Freundin auserkoren - schon wegen der krassen äußeren Kontraste, die auf Instagram abgehen werden bei ihren Followern.  Da wird schon ein Akzent dieses Romans gesetzt: Der Schein und das Sein, die öffentliche Begleitung privaten Lebens, das im Fall der Strobl-Martineks durchaus auch öffentlich ist, denn So-Lus Mutter ist eine grüne Abgeordnete und wird als künftige Umweltministerin gehandelt. Die Idylle bricht zusammen, als es zu einem Umglück kommt: Aayana ertrinkt im Pool, so leise...

Apokalyptischer Roadtrip durch den Donbas

 Pascha, die Hauptfigur in Serhij Zhadans Buch "Das Internat", muss sich in einem unerklärten Krieg bewähren, doch von den Kriegshelden eines Ernest Hemingway könnte der Mittdreißiger aus dem ukrainischen Donbas nicht weiter entfernt sein: Er ist Lehrer, gilt wegen eines Herzfehlers als Invalide, ost zudem stark kurzsichtig und hat eine Fehlbildung an den Fingern. Nicht die besten Voraussetzungen schon zu normalen Zeiten, doch nun ist es die Zeit nach 2014 und im Osten der Ukraine ist Krieg, ein Krieg, der freilich nicht erklärt wurde und der vor allem für die Menschen im Westen Europas erst acht Jahre später als real angesehen werden wird. Kriegszeiten sind ungesunde Zeiten, vor allem für jemanden wie Pascha, der sich wegen seines Herzfehlers doch nicht aufregen soll. Und doch bricht er auf aus dem Haus seines Vaters, in dem er nach jeweils gescheiterten Ehen mit seiner Schwester lebt, um den 13-jährigen Neffen aus einem Internat am anderen Ende der Stadt nach Hause zu holen...

Unerfüllte Erwartungen an das Leben und die Liebe

 Der Titel "Lektionen" ist doppeldeutig: Das gleichnamige Buch von Ian McEwan beginnt in einem englischen Internat in den 60-er Jahren, mit einem Klavierunterricht, der für den da noch kindlichen Protagonisten Roland Baines noch weitreichende Folgen haben wird. Doch während der Autor seiner gleichaltrigen Romanfigur ein Leben lang folgt, bis in die Corona-Pandemie, da geht es eben auch um die Lehren eines langen Menschenlebens, um das, was Roland mitnimmt und das, was bleibt, von seinen Hoffnungen, seinen Lieben, seinen Erwartungen in sich selbst und den Erwartungen, die andere in ihn gesetzt haben. Da scheint zunächs vieles unerfüllt: Der junge Roland galt als großes Klaviertalent, doch statt einer Pianistenkarriere verdingt er sich auch noch deutlich jenseits der 70 als Klavierspieler während des afternoon tea in einem Hotel - von Musikmampfe spricht er dabei. Die literarischen und journalistischen Ambitionen münden in Kalendersprüchen und Gedichten für Grußkarten. Auch ein...