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Mütter und Töchter

Liebe, Solidarität und Tragödien prägen das Leben von Eileen und Mary. Die beiden Frauen sind eng verbunden durch den frühen Verlust von Eileens Mann und Marys Sohn, der wenige Tage nach der Geburt seiner Tochter tödlich verunglückte. Da wusste er noch nicht einmal, dass sein kleines Mädchen Saorsie heißen würde. In Mary findet Eileen unverbrüchliche Unterstützung - eine Unterstützung, die sie von ihrer eigenen Familie nicht erhielt. Die wohlhabenden Großbauern haben sie verstoßen, denn Eileen wurde schon vor ihrer Hochzeit schwanger. Im ländlichen Irland der - ich schätze mal -  60-er oder 70-er Jahre für viele ein schwerer Fehltritt. Saorsie vermisst den Vater nicht, den sie nie kennengelernt hat. Mary, ihre "Nana", verbringt mehr Zeit in dem winzigen Häuschen ihrer Schwiegertochter als auf dem heimischen Bauernhof, auf dem ihre beiden verbliebenen Söhne leben - der eine nicht sonderlich helle, der andere beginnt, sich in der IRA zu engagieren. Zwischen Eileen und Mary best...

Plötzlich Tyrannei

 Mit seinem Roman "Das Lied des Propheten" hat der irische Schriftsteller Paul Lynch eine düstere Dystopie geschrieben, die zugleich an Parallelen in Vergangenheit und Gegenwart erinnert. Am Beispiel einer sechsköpfigen Dubliner Familie beschreibt er die alptraumhaften Auswirkungen, wenn eine autoritäre Regierung in Tyrannei umschlägt und ein Land in einen Bürgerkrieg stürzt. Im Fall des Buches ist es die "Nationale Allianz", deren Griff  zunächst nur allmählich das gesellschaftliche Leben und für selbstverständlich geglaubte Freiheiten abwürgt. Als zwei Polizisten an der Tür von Eilish Stack klopfen und nach ihrem Mann Larry, einem Gewerkschafter, fragen, weckt das zunächst nicht ihr Misstrauen. Larry hat nichts zu verbergen, und das Recht auf Gewerkschaften ist in der Verfassung verbrieft. Doch als Larry das Polizeirevier aufsucht, kehrt er nicht zurück. Er ist nicht der Einzige, der plötzlich verschwunden ist. Und plötzlich scheint die ganze Familie als Sicherhei...

Déja vu der Gefühle

  Als einzige Irin in einer italoamerikanischen Familie fühlt sich Eilis, vor 20 Jahren aus Irland in die USA eingewandert, manchmal fehl am Platze, ja von la Famiglia eingekesselt. Schließlich wohnt Ehemann Tony nicht nur Haus an Haus mit seinen Eltern, auch seine beiden Brüder mit ihren Familien sind unmittelbare Nachbarn in dem ruhigen Viertel in Long Island. So richtig gerät Eilis´s Welt allerdings aus den Fugen, als ein aufgebrachter Mann vor ihrer Tür steht und ihr sagt, Tony habe seine Frau geschwängert. Das Kind würde er ihr "vor die Tür legen" , da er auf gar keinen Fall das Kind eines anderen aufziehen werde. Auch für Eilis steht fest: Mit diesem Kind will sie nichts zu tun haben, der Vertrauensbruch ihres Mannes ist schlimm genug.  Monatelang wartet sie darauf, dass Tony das Problem anspricht - Fehlanzeige. Dann erfährt sie über Umwege, dass Tony ihr gegenüber beharrlich geschwiegen hat, im Familienkreis aber schon längst alles geregelt ist - seine Mutter Francesca...

Zerbrechlicher Beziehungsreigen

 Der Waterford-Schwan, den die Pianistin Celine in Naoise Dolans Roman "Das glückliche Paar" an ihrem Hochzeitstag beim Klavierspiel zerbricht, ist schon ziemlich symbolisch. Denn Schwäne haben üblicherweise zu ihrem Partner eine lebenslange Bindung. Celines Verlobter Luke hingegen war schon auf der eigenen Verlobungsfeier plötzlich verschwunden. Trotzdem halten die beiden ein Jahr an ihren Hochzeitsplänen fest. Freunde und Ex-Partner*innen, was mitunter auf dasselbe hinauskommt, sind wie ein Chor in der griechischen Tragödie mit ihren Kommentaren, ob und warum nicht Celine und Luke heiraten sollten. Reicht Liebe für ein ganzes Leben? Vor allem, wenn der eine eigentlich kein Mensch für Beziehungen ist und die andere alles ihrem Klavierspiel unterordnet? Dass nicht nur Braut und Bräutigam, sondern auch die Mehrheit des Freundeskreises queer sind und die mögliche Partnerwahl sich dabei noch mal multipliziert, macht es nicht einfacher. Es ist ein zerbrechlicher und gleichzeitig ...

Überlebenskampf während des "Großen Hungers"

 Der "große Hunger" Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich in der kollektiven Erinnerung der Iren eingebrannt. Der Hungertod von hunderttausenden, die nach der Kartoffelfäule gleich mehrere Winter ohne das Hauptnahrungsmittel der einfachen Leute zu überleben versuchten, mag im reichen Europa von heute unvorstellbar sein. Doch das Drama wurde in Gedichten und Liedern verarbeitet und steht nun auch im Mittelpunkt von Paul Lynch´s "Grace", gleichermaßen historischer Roman und Coming of Age Story mit einer bildhaft-poetischen Sprache. Die Titelheldin Grace ist 14, als ihre Mutter sie vor die Hütte zerrt und ihr an dem Baumstumpf, auf dem sonst die Hühner geschlachtet werden, die langen Haare abschneitet. Grace soll sich in einen Jungen verwandeln und auf der Landstraße ihr Glück, Arbeit und Auskommen finden. So grausam es scheint, auf diese Weise unvermutet in Männerkleidung von Zuhause weggeschickt zu werden - die Mutter will Grace schützen vor ihrem Quasi-Stiefvater, der...

Ein Kaleidoskop von Schmerz und Versöhnung - Apeirogon

 Der Autor selbst spricht von einem Hybrid-Roman. Mehr als 1000 Kapitel, die manchmal nur ein Gedankensprengsel, ein Satz sind. "Apeirogon" vom Colum McCann ist ein Kaleidoskop des Nahostkonflikts, der verschiedenen Lebenswelten in Israel, ganz abhängig davon, in welche Religion, ethnische Gruppe, Region jemand hineingeboren wurde. Und dennoch gibt es diese enorme, lebenserschütternder Gemeinsamkeit, die der Palästinenser Bassam, geboren in einer Höhle bei Hebron, und Rami - väterlicherseits Sohn eines ungarischen Holocaust-Überlebenden, müttericherseits Jerusalemer in der siebten Generation, miteinander teilen: Sie sind verwaiste Eltern, jeder von ihnen hat eine Tochter gewaltsam verloren. Ramis Tochter Smadar starb im Alter von 13 Jahren in einer Jerusalemer Einkaufsstraße, als sich drei Selbstmordattentäter in die Luft sprengten. Abir, die zehnjährige Tochter Bassams, wurde von dem Gummigeschoss eines israelischen Soldaten in den Schädel getroffen, als sie sich in der Schu...

Cops, Verräter und Rebellen - Der Abstinent

 Als W.B. Yeats über irischen Nationalismus und den Osteraufstand von 1916 schrieb, da geschah das überaus poetisch ("A terrible beauty is born"). Doch ehe es den Osteraufstand gab, ehe es die IRA gab, gab es im 19. Jahrhundert die Fenians, die gegen die britische Herrschaft in Irland kämpften - auch in den irischen Communities fern der grünen Insel.  In seinem Roman "Der Abstinent" schreibt Ian McGuire über den irischen Freiheitskampf aus ungewöhnlicher Perspektive mit viel hartem, düsteren Realismus. Schrecklich ist hier vieles, doch Schönheit sucht man vergebens in dunklen stinkenden Gassen, Besäufnissen, Gewalt. James O´Connor ist katholischer Ire und Polizist in Manchester - damit ist er überall ein Außenseiter: Für die Iren ist er ein Verräter, für die englischen Kollegen einer, dem sie nicht wirklich trauen. Nach dem Tod seiner Frau hat O´Connor den Halt verloren, ist Alkoholiker geworden. Die Versetzung nach Manchester war auch ein Versuch der Vorgesetzten i...