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Locked room mystery am Meeresgrund

 In seinem klaustrophobischen Thriller "Die Kammer" führt Will Dean seine Leser*innen buchstäblich in die Tiefe, nämlich in die Tauchkammer, in der sechs Sättigungstaucher auf engstem Raum arbeiten, tagelang am Meeresboden Wartungsarbeiten etwa für Ölbohranlagen ausführen. Es ist eine gefährliche Arbeit, in der sich die Taucher blind aufeinander verlassen können müssen. Für Ich-Erzählerin Ellen Brooke, die einzige Frau der Gruppe, ist es der Traumjob, auf den sie lange hingearbeitet hat. Dafür nimmt sie immer wieder die Trennung von der Familie auf sich, die beengten Verhältnisse in der Kammer ohne Privatsphäre, die tagelange Dekompression, wenn es nach dem Arbeitseinsatz wieder an die Oberfläche geht. Denn die Tür zur Taucherkammer plötzlich zu öffnen, ohne den Druckunterschied allmählich, im Schneckentempo, anzugleichen, würde fatale Folgen haben. Zudem befinden sich die Taucher unter Dauerbeobachtung: Eine Crew an Bord des Schiffes ist für ihr Wohlergehen, ja ihr Überleben...

Deutsch-israelische Liebesgeschichte

 In "Wie schwer wiegt ein Schatten" erzählt Christiane Wirtz eine deutsch-israelische Liebesgeschichte, zugleich aber auch das Trauma, das psychische Erkrankungen und Suizid in einer Familie hinterlassen. Mia, eine junge deutsche Journalistin, macht eine Elternzeitvertretung im Studio Tel Aviv. In einem Café lernt sie David kennen - es ist Liebe auf den ersten Blick, die Art von Gefühl, an das Mia für sich eigentlich gar nicht geglaubt hat. Allerdings auch problembelastet: Denn David ist verheiratet und Vater einer kleinen Tochter. Während sich die Beziehung zu David intensiviert und in eine ungewisse Zukunft entwickelt, setzt sich Mia zugleich mit ihrer Vergangenheit auseinander: Ihre Großmutter, die sie nach dem Tod ihrer Mutter aufgezogen hat, ist vor kurzem gestorben. Der Vater hat schon längst in England eine neue Familie gegründet. Eine Jugendfreundin der Mutter hat einen Israeli geheiratet, lebt in einem Kibbutz. Das Paar wird zu Mias israelischer Ersatzfamilie und öff...

Die Rache der alten Damen

 Die Auswirkungen von Patriarchat und Misogynie hat Margaret Atwood in ihren Romanen mehrfach beschrieben - allen voran in ihrem berühmten "Report der Magd" oder "Die Zeuginnen". Mit "Hieb und Strich" schlagen nun die Frauen zurück. Mit einer Länge von gerade mal 48 Seiten handelt es sich eher um eine Kurzgeschichte als eine Novelle, die aber ist vergnüglich zu lesen. Ein bißchen erinnert die Handlung an das Sprichwort, wonach Rache am besten kalt gegessen wird: Eine Gruppe alter Damen, allesamt aus dem akademischen Lehrbetrieb, wollen sich an einer Gruppe Männern rächen, die einst die literarische Karriere einer Freundin mit Verrissen und hämischer Kritik in einer Literaturzeitschrift zerstörten. Die Autorin hatte sich nie von den Attacken des Männerklüngels erholt und ihr literarisches Potential ausgelebt, inzwischen ist sie todkrank. Späte Gerechtigkeit soll her. Die mobbenden Herren müssen bestraft werden, das aber endgültig.  Bei Gin Tonic, Weinschorl...

Leise Geschichte aus dem hohen Norden Kanadas

 "Wie Zugvögel" von Elizabeth Hay startet langsam, und das passt zu dieser langsamen Geschichte über Menschen im hohen Norden Kanadas. Wer in der Stadt Yellowknife nahe der arktischen Wildnis lebt, ist - mit Ausnahme der indigenen Menschen - ein Zugezogener, in so manchem Fall auf der Flucht vor sich selbst oder der Vergangenheit. In der klaren Luft des Nordens und seinen hellen Sommern scheint so mancher Neuanfang möglich.  Die Protagonisten arbeiten bei einem lokalen Rundfunksender, ihre Schicksale sind zunehmend miteinander verwoben: Harry, der unfreiwillige Sendechef mit Alkoholproblem, der sich erst in die Stimme, dann hoffnungslos in die schöne Sprecherin Dido verliebt. Doch die steht mehr auf den kompromisslosen Techniker Eddie. Die kluge, belesene Sendersekretärin Eleanor beobachtet die Vorgänge und sorgt auf unaufdringliche Art für mehr Harmonie. Gwen, eine junge Frau aus dem Osten, ist voller Unsicherheiten und wird in Yellowknife während ihrer einsamen Nachtschicht...

Ungewöhnliches Kultpaar

 Harold und Maude, das ungleiche, ein wenig exzentrische und sehr liebenswerte Liebespaar aus dem gleichnamigen Film, sind Kult. Was ich bis zur Wiederauflage im Rahmen von Diogenes Modern Classics Reihe nicht wusste: Es handelte sich um eine Literaturverfilmung. Nun ist der Roman von Colin Higgins wieder erschienen und ich habe ihn mit Begeisterung gelesen. Die Geschichte ist vermutlich allen, die nun zum Buch greifen, bekannt: Der 19 Jahre alte Harold ist reich, aber unglücklich. Mit fingierten Selbstmorden versucht er die Aufmerksamkeit seiner stets abgelenkten Mutter zu gewinnen, doch die sorgt sich vor allem um den Ruf der Familie angesichts des exzentrischen Sprösslings, der mit Vorliebe Beerdigungen besucht. So lernt er auch Maude kennen, 79 Jahre und im Unterschied zu Harold ausgesprochen lebensfroh, optimistisch und mit kreativem Temperament.  Spoiler-Gefahr besteht angesichts der Bekanntheit der Verfilmung wohl nicht. Was mir nun aber klar ist - der Film hat den Char...

Prophetisch und aktuell

 Timothy Snyder ist Historiker, er hat über nationalsozialistische und stalinistische Verbrechen geforscht und dabei immer auch auf die Gesamtgesellschaft und ihre Verantwortung geblickt. Sein neuestes Buch, "Über Freiheit" ist eher philosophisches Nachdenken über den Freiheitsbegriff und was Freiheit ausmacht, wie ein Individuum ein freier Mensch wird und welche Mechanismen Freiheit bedrohen. Dabei blickt Snyder auch auf sein eigenes Leben und seine Erfahrungen - wie er als kleiner Junge auf der Farm seiner Großeltern im Jahr der amerikanischen Zweihundert-Jahr-Feier eine Freiheitsglocke geläutet hat, wie er als Student in Ostmitteleuropa die ersten Kontakte zu den Bürgerrechtlern und Intellektuellen knüpfte, die 1989 die historische Wende durchsetzten und plötzlich, wie Vaclav Havel, vom Dissidenten zum Präsidenten wurden.  "Über Freiheit" könnte theorielastig erscheinen, wäre da nicht die Gegenwart, in der wir leben. Snyder zeigt die Bedrohung von Freiheit, etwa ...

Engagierte Juristin mit einem Dilemma

 Mit "Dunkle Momente" hat die Strafrechtsprofessorin Elisa Hoven weniger einen Justizroman als einen Reihe von Fallgeschichten geschrieben, eingebettet in eine Rahmenhandlung um die engagierte Strafverteidigerin Eva Herbergen. Sie trifft gleich auf den ersten Seiten des Buches eine Entscheidung über ihre berufliche Zukunft. Die in den folgenden Kapiteln vorgestellten Fälle sind sowohl Erläuterung, wie es zu dieser Entscheidung kam als auch (Selbst-)-Rechtfertigung der Erzählerin für Entscheidungen, die nicht allesamt mit Recht und Gesetz zu tun hatten, sondern eben auch mit Gerechtigkeitsempfinden und moralischem Kompass. Und es geht um die Frage, wie weit eine Verteidigerin gehen kann im Interesse ihres Mandanten oder ihrer Mandantin. Richterinnen und Richter müssen "unabhängig und nur dem Gesetz" verpflichtet sein - Strafverteidiger sind Partei, müssen das Bestmögliche für  Angeklagte erreichen - egal, ob diese schuldig oder unschuldig, sympathisch oder nicht sind...