Frauenfreundschaft aus einer untergegangenen Welt
Tschechien ist in diesem Jahr das Gastland der Frankfurter Buchmesse - und mit "Geteiltes Haus" von Alice Horackova können sich Leser*innen schon einmal auf das Land mit seiner wechselvollen Geschichte einstellen. In ihrem Roman zeigt Horackova in der Lebensgeschichte und der Freundschaft zweier Frauen und ihrer Familien auch ein halbes Jahrhundert Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es ist ein faszinierender Blick "von unten" in eine mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs untergegangene Welt.
Die Tschechin Zdenka und die Deutsche Anezka wachsen in dem Dorf Benezko im Riesengebirge auf, sind seit ihrer Kindheit befreundet. Die Sudeten sind eine Grenzlandschaft wie so viele Regionen im damaligen Ostmitteleuropa, in dem unabhängig von staatlichen Grenzen verschiedene Nationalitäten zusammenleben - mal in einem Schmelztiegel, mal in verhärteten nationalistischen Auseinandersetzung verfeindet.
Auch Zdenka und Anezka erleben die Wechselfälle der Geschichte - Vor dem Ersten Weltkrieg ist Benezko Teil der KuK-Monarchie, mit der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei finden sich die deutschen Einwohner des Ortes plötzlich als nationale Minderheit wieder. Das Erstarken der Nationalsozialisten in Deutschland findet auch in den Sudeten Widerhall bei nationalistischen Deutschen, die "heim ims Reich" wollen. Mit dem "Anschluss" sind es die Tschechen, die nunmehr diskriminiert und in ihrer sprachlich-kulturellen Eigenständigkeit verfolgt werden. Die brutale Besatzungspolitik im Zweiten Weltkrieg, Zwangsarbeit und Deportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung führen nach 1945 zu blutiger Rache an den Deutschen und der Vertreibung, die alle trifft, unabhängig von ihrem Verhalten während des Krieges.
Horackova beschreibt diese historischen Umbrüche im Kleinen, aus der Sicht der beiden Frauen und dem Leben ihrer Familien. Während sich einige klar für die Zugehörigkeit zu einer Seite entscheiden, fällt das anderen viel schwerer. Wenn in der Familiengeschichte immer wieder Deutsche und Tschechen untereinander geheiratet haben, ist ein Bekenntnis zu einer Nationalität nicht einfach. Der Riss zieht sich durch Familien, trennt Freunde, lässt Beziehungen scheitern. Die Frage nach der Identität wird plötzlich zum Grund für Konflikte und das Ende des bisherigen Zusammenlebens.
Es ist die Wärme und Menschlichkeit der Freundschaft zwischen Zdenka und Anezka, die auch politisch-ethnische Spannungen und historische Umbrüche überdauert. Das macht "Geteiltes Haus" zutiefst menschlich und bringt zugleich ein Stück Geschichte näher, die im Bewusstsein der jüngeren Generationen der Gegenwart vermutlich schon unendlich weit zurückliegt, in den Familien der alten Grenzlandbevölkerung aber nach wie vor erinnerte Familiengeschichte ist. Ein großartiges Buch.
Alice Horackova, Geteiltes Haus
Diogenes 2026
28 Euro
9783257074000
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