Queeres Familienmodell in Südstaaten-Kleinstadt

 Ein wenig erinnert der Beginn von "Das haben wir nicht gwollt" von Calla Henkel an die Serie "Big little lies" - ein Polizist sinniert über einen Vermisstenfall, in der Folge wird die Geschichte aus den Perspektiven der verschiedenen Protagonisten aufgerollt. Ein kleines Kind ist spurlos verschwunden, und wenn sich der Blick der Polizei auf die Eltern richtet - nächste Angehörige sind bekanntlich stets verdächtig - haben sie gleich vier zur Auswahl. Denn Valentine und Linh sowie ihr Bandkollege Raul und dessen Partner Banner leben in einer Kleinstadt in den Südstaaten ein queeres Familienmodell, während sie gleichzeitig ein marodes Hotel, das Val von ihrem Vater geerbt hat, in ein Boutiquehotel ummodeln. Die Eröffnungsfeier, die ein rauschender Erfolg werden sollte, endet mit Katerstimmung, als Linh feststellt, dass die kleine August nicht mehr in ihrem Bettchen liegt.

Haus und Familie, das ist eigentlich nichts, was Val, die Sängerin mit Hang zu Exzess und Selbstzerstörung, anfangs angestrebt hat. Auf Tourneen gibt es regelmäßig andere Frauen, während Linh von Zweisamkeit träumt. Auch die Beziehung zwischen Banner und Raul ist eher offen, obwohl die beiden verlobt sind. Aber one night stands sind weiterhin okay. 

Ein gemeinsames Kind, das die beiden Paare zusammen aufziehen, wäre in Berlin oder New York vielleicht nicht so besonders. In der Kleinstadt, in der Val und Banner aufwuchsen, ohne sich damals zu kennen, erregt das Familienmodell mehr Aufmerksamkeit. Zugleich haben die vier jeweils ihre eigenen Geheimnisse und Traumata. Banner muss sich um seine demente Mutter kümmern und managt die Hotelrenovierung, während das Geld, das er als Banker verdiente, durch die Finger rinnt. Raul hadert mit seiner Mutter, die ihn nicht akzeptieren kann, wie er ist, und Linh hat ein Geheimnis, über das sie sich ausschweigt. Val wiederum hat nie den Tod ihrer Mutter verwunden, der sie als Elfjährige allein mit dem brutalen Vater zurückließ.

"Das haben wir nicht gewollt" ist ein Buch über Paardynamiken und Familiengeheimnisse, über Liebe und Seitensprünge, über das, was Familien zusammenhält und auseinanderbringt. Bei vier queeren Protagonist*innen spielt natürlich auch die Frage des Andersseins, von Akzeptanz und Ablehnung eine große Rolle, aber auch Selbstermächtigung bei der Eigenidentifikation. 

Henkel lockt auf manche falsche Spur und überrascht am Ende. Ein Buch, das bei allen Beziehungsproblemen irgendwie auch Hoffnung macht.

Calla Henkel, Das haben wir nicht gewollt

Kein & Aber 2026

416 Seiten, 26 Euro

9783036951867


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