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Lügen und Ungesagtes

 Als Krimiautor mit seinem Ermittler Avi Avraham hat mir Dror Mishani bereits gut gefallen. Mit seinem neuen Roman "Nicht" hat er überrascht und ein Buch geschrieben, das viel Stoff zum Nachdenken bietet. Ein ausgesprochener Roman der leisen Töne, der Zeit braucht, um sich zu entfalten, dann aber nachhallt. Der Übersetzer Eli ist schon seit Jahren verwitwet, er hat einen guten Kontakt zu seiner Tochter, lebt aber im großen und ganzen für seine Arbeit, die naturgemäß recht isoliert verläuft. Falls er sich einsam fühlt, hat er das auch vor sich selbst ganz gut verdrängt. Die Versuche von Freunden, sen soziales Leben ein wenig zu pushem, erträgt er eher stoisch. Doch dann verliebt er sich doch noch einma, lässt sich auf Lia ein, Eine ganz neue Erfahrung nach Jahren des Alleinseins. So weit, so gut - hier könnte eine reife Romanze ihren Ausgang nehmen. Doch als Lia zu einer Konzertreise aufbricht, hütet Eli ihren Hund, zu dem er ein eher zwiespältiges Verhältnis hat. Das Hundesit...

Reise durch ein verändertes Land

 Klaus Brinkbäumer hat lange als Korrespondent in den USA gelebt. Und er ist - das ist seinem Buch "Der amerikanische Albtraum" deutlich anzumerken - seit seinen Schüler- und Studententagen fasziniert vom "Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Liebt es vielleicht ein bißchen zu unkritisch, denn vieles, was auch früher schon schwer mit dem (Selbst-)Bild des Landes, in dem jeder es schaffen kann, zu vereinen war, wird in seiner Sammlung von Essays und Gesprächen ausgeblendet. Brinkbäumer geht auf Reise durch die USA, um zu sehen, wie sich das Land ein Jahr seit der zweiten Trump-Präsidentschaft verändert hat. Das Buch beruht auf einer Artikelreihe für die "Zeit". Der Autor spricht mit Wissenschaflern, Journalisten, Analysten, auch mit Vertretern der MAGA-Bewegung und zeigt ein verändertes Land. "Der amerikanische Alptraum" ist nicht das erste Buch, dass den Rechtsruck, die Anti-Migrationspolitik der Trump-Administration, den Einfluss von Big Tech u...

Surferparadies mit Schatten - ein Philippinen-Krimi

 Bei Asia Noir habe ich bisher immer an koreanische oder japanische Krimis gedacht. Daniel Fassbender rückt mit "Heaven´s Gate" aber auch ein tropisches Inselparadies auf den Philippinen in düstere Stimmung. Sein Protagonist Caruso, ehemaliger Profisurfer und als Privatdetektiv bislang eher mit Kleinigkeiten wie gestohlenen Mopeds beschäftigt, rückt ebenfalls zunehmend in die Nähe der hard boiled Detektive der klassischen Noir-Serie, die von schönen Frauen betrogen werden und reichlich Prügel kassieren. Das vermeintliche Paradies entpuppt sich als ein Sumpf von Drogen und Korruption, dass auch noch ein Taifun aufzieht, scheint da nur konsequent. Eine schöne, reiche Spanierin heuert Caruso an, der bisher zwischen Surfen und viel Alkohol ein recht entspanntes Leben hatte. Ihr Sohn ist verschwunden und hat sich mit seinem Plan, groß ins Drogengeschäft einzusteigen, offensichtlich übernommen. Caruso stößt bei seinen Ermittlungen nicht nur auf Gegenwind, sondern auch auf Gefahren....

Aus der Parallelwelt der Superreichen

 In seinem Buch "Yacht oder nicht Yacht" schildert Evan Osnos Alltag und Problemchen aus einer Parallelgesellschaft, zu der die Leser*innen höchstwahrscheinlich keinen Zugang haben und auch niemals haben werden. Das Buch ist eine Zusammenstellung von Artikeln, die der Autor in den vergangenen Jahren für den "New Yorker" geschrieben hat und handelt von der Welt der Superreichen, die nicht einfach nur Millionäre, sondern Mehrfachmilliardäre sind. Die wachsende politische Bedeutung und Einflussmöglichkeiten der Tech-Milliardäre und Oligarchen in den USA werden hier eher gestreift, die einzelnen Kapitel ermöglichen eher den Blick in das Innenleben und die Denkweise der Menschen mit altem und neuem Geld, die immer noch nicht genug haben.  Bei den titelgebenden Yachten handelt es sich natürlich nicht um schnöde Segelboote, sondern um Super- und Megayachten. Osnos schreibt über Privatkonzerte, bei denen ein Hip Hop Star mal eben eine Gruppe 13-jähriger auf einer Bar Mitzwa...

Meinung oder Nachricht?

 Mit dem Titel ihres Buches "Erzählen, was ist" hat Karin Eigendorf ja ein bißchen das Spiegel-Motto abgekupfert. Sei´s drum - ich war neugierig auf das Buch, bin vielleicht mit einer anderen Erwartungshaltung rangegangen als andere Leser*innen. Mich hätte etwa interessiert, wie es ist, "nur Krise" zu machen statt die gesamte journalistische Themenvielfalt, die Journalisten etwa als Korrespondenten in einem Land oder einer Region abdecken. Oder - sie hat ja den Vergleich aus dem eigenen Berufsleben - eine Überlegung über die Unterschiede, die sich aus der Arbeit als Auslandskorrespondentin versus "Fallschirmjournalistin" ergeben - also immer dann einfliegen, wenn plötzlich geballtes Interesse an einem Land ist, dort aber nicht den Alltag zu leben. Statt dessen ist neben Autobiographie auch ein gutes Stück Selbstrechtfertigung ihrer Art der Berichterstattung im Zentrum des Buches. Über ihr jüngeres Ich als Abiturientin schreibt Eigendorf, sie habe als Jugen...

Intrigen in der Downing Street

 So ganz vorbei war der Kalte Krieg für die Geheimdienste ja vermutlich nie. Und spätestens mit dem Aufstieg Putins dürften die einschlägigen Analysten wieder on high alert gewesen sein. Diana Taverner ist daher alles anderes als amused, als sich vor einem scheinbar harmlosen Fest der russischen Botschaft herausstellt, dass ihr russischer Amtskollege seit mehr als 24 Stunden unerkannt in London unterwegs sind, weil einige der "boys and girls" der MI5-Zentrale beim Monitoring der anreisenden Russen leider gepennt haben.  Doch noch etwas anderes gibt Rätsel aus: Die Schweizer Superforecasterin, die ein Sonderberater des Premierministers angeheuert hat, ist verschwunden. Und Jack Sparrow, besagter Sonderberater, ist nicht nur ein gewaltiger Intrigant, sondern gewissermaßen die graue Eminenz in der Downing Street, der  ausgerechnet Taverners Vorgänger, den glücklosen Claude Whelan, damit beauftragt, zum Verbleib seiner Mitarbeiterin zu recherchieren. Ihr letzter Anruf, so ste...

Was ist schon Identität

 Krishna Mustafa hatte eigentlich ein ganz zufriedenes Leben geführt. Bis ihn seine Freundin Laura vor die Tür setzte und ihm vorwarf, er habe seine Identität noch immer nicht gefunden. Was ihn eben auch unreif für die Beziehung mache.  Jetzt ist er in Istanbul, wo sein türkischer Vater mit der zweiten Ehefrau und dem gemeinsamen Nachwuchs lebt, ein Vater, den er seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte. Als Krishna sechs Jahre alt war, bestand seine deutsche, esoterisch angehauchte Mutter auf dem Umzug nach Deutschland. Im türkischen Schulsystem wollte sie ihr Kind nicht sehen. Praktischerweise studiert Krishnas türkischer Cousin Germanistik. Jetzt haben die beiden ihre WG-Zimmer getauscht und Krishna ist auf Identitätssuche in Istanbul. Fast schon symbolisch, dass die Verabredungen mit seinem Vater wochenlang platzen. Krishnas Türkisch wird von den Mitbewohnern belächelt, noch so ein Stück türkische Identität, an dem er arbeiten muss. Wenn die große Krise dafür Raum läs...

Coming of Age im Kalifat

 Abbas Khider beeindruckt immer wieder. Mit seiner poetischen Sprache, mit Sätzen, die wie leicht dahingeworfen aussehen und nachhallen, wie er große Umwälzungen in privates Leben verpackt. Sein neues Buch "Der letzte Sommer der Tauben" bildet da keine Ausnahme. Ich-Erzähler Noah ist ein 14-jähriger Iraker, der Vater hat ein Textilgeschäft, gleich nebenan wohnt der Onkel, mit dem Noah die Leidenschaft fürs Taubenzüchten teilt. Doch der beschauliche Alltag einer harmonisch existierenden Familie wird zerstört, als der Daesh, der Islamische Staat, auch in seiner Heimatstadt in alle Lebensbereiche eindringt. Bunter Kleider und Stoffe dürfen im Laden von Noahs Laden nun nicht mehr verkauft werden. Selbst Verpackungen müssen verbrannt oder zumindest geschwärzt werden, wenn dort das Gesicht oder der Körper einer Frau zu sehen ist. Die dramatischsten Auswirkungen betreffen natürlich Noahs Mutter und erwachsene, schwangere Schwester, die nach der Verhaftung ihres Mannes wieder ins Elt...

Aufwachsen als globales Symbol

 Mit dem Titel ihrer Autobiographie "Finding my way" hat Malala Yousafzai den Ton bereits vorgegeben: Wie kann eine junge Frau ihre Persönlichkeit entwickeln, wenn sie bereits als Kind ihr Lebensziel gefunden hat, als Teenager die jüngste Friedensnobelpreisträgerin aller Zeiten und globales Symbol für den Kampf von Mädchenbildung geworden ist? Mal ganz zu schweigen von den körperlichen und seelischen Folgen des Taliban-Attentats und einem Leben zwischen zwei Welten - einerseits auf den Redepodien der Welt,  im Gespräch mit den Reichen und mächtigen, andererseits eine junge Frau aus einer sehr konservativen, restriktiven Kultur, die auch im britischen Exil nie wirklich fern ist? Auf ihren öffentlichen Auftritten wirkt die Autorin häufig äußerst beherrscht, zurückgenommen, reflektiert. Das Buch zeigt die inneren Kämpfe, den Wunsch, einfach nur als junge Frau wahrgenommen werden, die unbeschwert sein darf und nicht unter Dauerbeobachtung steht. Die Studienzeit in Oxford soll sic...

Faszination Schildkröte

 Sie können über 100 Jahre alt werden, und sie sind schon sehr, sehr lange auf der Erde: Schildkröten gehören zu den Tierarten, die beträchtlich länger als die Menschheit existieren. Schon ihr Aussehen hat etwas Urzeitliches an sich. Doch die Tiere mit dem gemächlichen Tempo stoßen in unserer schnelllebigen Zeit auf Bedrohungen: Verkehr, Straßen und Siedlungen, die Habitate und Wege zu Eiablageplätzen zerschneiden oder zerstören. In ihrem Buch "Tete a tete mit einer Schildkröte"  stellt Sy Montgomery eine Schildkrötenschutzstation und die Menschen, die dort arbeiten vor.  Vor allem aber geht es natürlich um Schildkröten: Das Wiederaufpäppeln verletzter Tiere, selbst solcher, die die Tierärzte schon aufgegeben haben. Die Bemühungen, die Schildkröten wieder in einen Zustand zu bringen, der eine Wiederauswilderung ermöglicht - oder, wenn das nicht möglich ist, den Versuch, den verletzten Tieren eine möglichst gute Lebensqualität zu verschaffen. Es ist ein Sachbuch, aber kein...

Gelangweilte Hausfrau und toughe Detektivin stoßen auf Verschwörung

  Ich kenne und schätze Mick Herron als Autor der Geheimdienstserie um die "Slow Horses" des MI5. Da war ich natürlich neugierig auf seine Reihe um die Privatdetektivin Zoe Boehm und wurde nicht enttäuscht: Auch hier findet sich die unwiderstehliche Mischung aus Spannung, Geheimnissen und einer ordentlichen Prise britischen Humors, dazu Protagonisten, die eher unfreiwillig in Verschwörungen und finstere Machenschaften stolpern. Zoe Boehm ist allerdings - bis jetzt - eine Nebenfigur, die erst spät in der Handlung Profil entwickelt. Vor allem geht es um die Hausfrau Sarah, die weder beruflich noch privat gerade viel Freude an ihrem Leben hat. Ehemann Mark ist in der Finanzwelt tätig und verlässt sich darauf, dass sie ihm den Rücken freihält, ohne sie umgekehrt in ihren fast schon vergessenen Ambitionen zu unterstützen. Nun soll sie auch noch als Gastgeberin eines Dinners für einen wichtigen Kunden brillieren, den sie schon sehr schnell nervig und abscheulich findet. Dann allerd...

Internationale Justiz - eine Chance für Gerechtigkeit

 Steve Crawshaw hat als Journalist gearbeitet, unter anderem im ehemaligen Jugoslawien während des Bürgerkriegs. Später engagierte er sich bei verschiedenen Menschenrechtsorganisationen. Sein Buch "Vor Gericht" über internationale Justiz zur Ahndung von Menschenrechts- und Kriegsverbrechen ist ein bißchen mit beiden dieser Berufsfelder  verbunden - einerseits sachlicher Report, andererseits durchaus Aktivismus für mehr Gerechtigkeit für Menschen wie Folteropfer oder Überlebende von Kriegsverbrechen, die in ihren eigenen Ländern auf keine Verfahren hoffen können. "Vor Gericht" liefert einerseits historischen Hintergrund zur Entstehung des Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und den Internationalen Gerichtshof, erläutert das Weltstrafprinzip. das es etwa erlaubt hat, Kriegsverbrecher in Deutschland vor Gericht zu bringen, auch wenn es keinen deutschen Tatort und keine deutschen Opfer oder Täter gibt.  Zugleich ist das Buch höchst aktuell, geht es doch um die ...

Verflucht zum Unglücklichsein? Nigerianischer Familienroman

 Die nigerianische Autorin Oyinkan Braithwaite hat mich mit ihrem Debütroman "Meine Schwester, die Serienmörderin" begeistert. Da war ich natürlich neugierig auf ihr neues Buch "Der Fluch der Falodun-Frauen". Vorweg sei verraten: Dieses Buch ist ganz anders, auch wenn es ebenfalls um Familiendynamiken und energische Frauen geht. Braithwaite erzählt auf mehreren Zeitebenen und Erzählperspektiven die Schicksale der Frauen der Familie Falodun, die  seit Generationen unter einem Dach zusammenleben - dies auch, weil eine Vorfahrin samt aller weiblichen Nachkommen verflucht wurde, in der Liebe unglücklich zu sein. Hat dieser Fluch tatsächlich über Generationen hinweg Folgen, oder schafft der Glaube an ihn eine self fulfilling prophecy? Wie viel Einfluss haben die Frauen auf ihr Schicksal, welche Strategien wählen sie, um mit dem ominösen Fluch umzugehen? Und kann sich Geschichte wiederholen? Zu den Dreh- und Angelpunkten gehört das Schicksal von Monife, die mit Mitte 20 S...

Ermittlungen in der frühen Sowjetunion

 Mit seinem historischen Kriminalroman "Samson und das Galizische Bad" lässt der ukrainische Autor Andrej Kurkow nunmehr zum dritten Mal den jungen Kriminalinspektor Samson in der frühen Sowjetunion ermitteln. Noch befindet sich vieles im Umbruch - doch schon ist der aufkommende Stalinismus und die eiserne Faust der Tscheka zu spüren, die Politisierung der Ermittlungen wie des ganzen noch teils revolutionären Alltags. Daher ist auch dieser Roman einmal mehr viel mehr als ein Krimi, auch wenn Samson das Rätsel um  eine Gruppe von Rotarmisten lösen muss, die nach dem Besuch eines öffentlichen Bads spurlos verschwunden sind. Nur ihre Uniformen sind geblieben. Handelt es sich um Deserteure, oder waren in dem Bad finstere Machenschaften zugange? Samson stößt auf Spekulantentum und Räubereien, muss sich um einen Kollegen und seine junge Ehe sorgen, und dann ist da noch die befürchtete Interessen- und Ermittlungskollision durch Überschneidungen mit einem Fall der Tschekisten. Kurkow...

Das Wegschauen und das Komplizentum - kluge Analyse des Dritten Reichs

 In seinen Büchern über das nationalsozialistische Deutschland hat der Historiker Götz Aly schon wiederholt die Stimmung der Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg untersucht. Mit seinem neuen Buch "Wie konnte das geschehen?" versucht er Antworten zu geben auf eine Kernfrage, die wohl alle beschäftigt, die sich mit dem Dritten Reich, der Schoah und deutschen Kriegsverbrechen befassen oder darüber lernen. Das Buch mit teilweise persönlichen Elementen beim Rückblick auf das Verhalten und die Stimmung in der eigenen Familie liefert viel Stoff zum Nachdenken - auch und gerade dann, wenn Vergleiche zu den Themen und Strategien rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien und Gruppierungen in der Gegenwart gezogen werden. Aly zeigt, dass das Komplizentum und die Einbindung der "Normalbevölkerung" weitaus verbreiteter waren und auf vielen Ebenen stattfanden, eben nicht nur bei denen, die 1938 dank "arisierter" Betriebe und Geschäfte wirtschaftlich ganz anders durch...

Karriere eines Opportunisten

 Nein, einen Sympathieträger hat Yishai Sarid mit seinem Protagonisten Shai Tamus in dem Roman "Chamäleon" wirklich nicht geschaffen. Der Journalist, Vater zweier mehr oder weniger erwachsenen Kinder, hat seine besten Berufsjahre hinter sich. Für das Zeitalter der sozialen Medien und permanenten Selbstvermarktung fehlt ihm ein wenig der Biss, vor allem aber der Instinkt, sich in den Vordergrund zu drängen. Und auch seine Ausgewogenheit, sein Harmoniebedürfnis haben eine kurze Zeit der Fernsehpräsenz und damit eines gestiegenen Bekanntheitsgrads schnell wieder sinken lassen. Er fühlt sich in die mediale und gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit versinken - und das gefällt ihm gar nicht. Dies alles ändert sich, als Shai nach einem wütenden Social Media Post die Aufmerksamkeit eines rechtspopulistischen Senders erhält. Man interessiert sich für ihn, bietet ihm eine Plattform, instrumentalisiert ihn. Immer mehr wird Shai nur Sprachrohr der Einflüsterungen eines Politfunktionär de...

Die Pläne der Rechtspopulisten

 Nicht erst seit Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump stellt sich die Frage, wie stark westliche Demokratien sind, um autokratische Bestrebungen und den Erfolg rechtspopulistischer Parteien mit einem fraglichen Demokratieverständnis zu stoppen. Deutschland mit der nicht immer erfolgreichen "Brandmauer" gegen die AfD steht nicht alleine da, in anderen Ländern sind die Entwicklungen zum Teil schon deutlich weiter. In ihrem Buch "Das Sterben der Demokratie" untersuchen Richard Schneider und Peter Neumann die Entwicklungen und Pläne der Rechtspopulisten in Italien, Ungarn, den Niederlanden, Frankreich und den USA.  Im komprimierten Vergleich ist die Situation besorgniserregend - jedenfalls für alle, die sich bisher noch keine Sorgen über die Zukunft demokratischer Gesellschaften gemacht haben. Oder würden diese das Buch gar nicht erst lesen, weil sie sich keine Sorgen machen? "Das Sterben der Demokratie ist weder Zufall noch unabwendbares Schicksal", s...

Literarische Archäologie in dystopischer Zukuft

 Literarisches Rätsel, Dystopie einer vom Klimawandel gezeichneten Zukunft und komplizierte Beziehungsgeflechte - mit "Was wir wissen können" hat Ian McEwan einen faszinierenden Roman mit verschiedenen Zeit und Erzählperspektiven geschrieben. Damit überzeugt er sowohl inhaltlich als auch erzählerisch und bietet viel Stoff zum Nachdenken. Das Buch führt in eine gerade mal knapp 90 Jahre entfernte Zukunft, doch völlig andere Welt. Die Regierungen haben die Kipppunkte ignoriert, um die Erderwärmung zu stoppen oder zumindest zu mindern. Schmelzen der Polkappen und Anstieg der Meeresspiegel sind kein Zukunftsszenario mehr, sondern die Realität einer Menschheit, in der Weiße selten geworden sind, die Menschheit besteht überwiegend aus verschiedenen Schattierungen von braun und die neue Supermacht heißt Nigeria. KIs kontrollieren einen großen Teil des Lebens und werden gerade von den jungen Menschen nicht hinterfragt. Europa hat seine Konflikte und Kriege ebenso schlecht überwunden ...

Innenansichten auf den Krieg - ein Familienporträt aus Israel

 Der 7. Oktober 2023 war eine Zäsur. Was hat der Terrorangriff der Hamas mit den Israelis gemacht, auch denen, die nicht unmittelbar getroffen? Wie haben sich Werteachsen und Einstellungen verschoben? In ihrem Buch "Israel" geht Sabine Adler diesen Fragen anhand einer Familie nach. Die älteren tragen die Erfahrung des Holocausts beziehungsweise der Belastungen der zweiten Generation mit sich, die jüngeren sind mit dem Nahostkonflikt aufgewachsen, haben ihren Armeedienst teilweise im Westjordanland oder im Libanon geleistet.  Die weitverzweigte Familie, die die Autorin seit Jahren kennt, ist überwiegend religiös-zionistisch, es gibt einen streng orthodoxen Bruder, aber auch einen säkularen. Die meisten leben in Jerusalem, mehrere in Siedlungen im Westjordanland, einige haben Kindheitserinnerungen an die aufgegebenen Siedlungen in Gaza. Es sind eher nicht die Israelis, die sich jede Woche auf dem Geiselplatz im Stadtzentrum von Tel Aviv versammeln, auch wenn längst nicht alle B...

Kulinarische Historie

 Kulturgeschichte manifestiert sich auch in Essgewohnheiten - das hat der US-Autor mit seinen Büchern etwa über Salz oder Kabeljau gezeigt. Der niederländische Historiker Joel Broekaert ist mit seinem Buch "Die Weltgeschichte in zwölf Bohnen" mit einem ähnlichen Forschungsprojekt unterwegs. Veganer und Vegetarier, aber auch viele Ernährungswissenschaftler wissen: Hülsenfrüchte sind proteinreich und machen satt. Eintöpfe aus Hülsenfrüchten sind traditionell auch immer dann angesagt, wenn das Geld knapp ist. Denn sie sind preiswert und halten sich getrocknet nahezu unbegrenzt.  Broekaert holt zum universalgeschichtlichen Rundumschlag aus, von den neolithischen Menschen, die von Jägern und Sammlern zu sesshaften Bauern wurden und schon damals Hülsenfrüchte domestizierten, über Hülsenfrüchte in anderen Kulturkreisen, etwa Sojabohnen in Asien, bis hin zu den Herausforderungen des Klimawandels und dem CO2-Abdruck der Fleischproduktion. Auch die kulturelle Bedeutung mancher Hülsenfr...